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Bevor man sich für oder gegen eine winterliche Futtervorlage für Reh- oder Rotwild entscheidet, ist eine eingehende Prüfung der möglichen Vor- und Nachteile vorzunehmen. Dabei sind die jeweiligen landesgesetzlichen Rahmenbedingungen zu berücksichtigen, die von Fütterungsgeboten oder -einschränkungen bis zu -verboten reichen. Die Fütterung kann dabei helfen, Wildschäden zu verringern, sie kann solche aber auch provozieren.

Fütterung und Wildschäden

Der Bereich um Fütterungen wird allein schon wegen der lokal höheren Wilddichte einem größeren Verbiss- oder Schäldruck ausgesetzt. Falls zusätzlich schadenprovozierende Faktoren seitens des Fütterungsstandortes, der Waldstruktur, der Futtermittel, des Fütterungsregimes oder Stressfaktoren für das Wild auftreten, sind Schäden oft vorprogrammiert.

Da eine fachgerechte Fütterung nicht nur Wild im Fütterungsbereich konzentriert, sondern insgesamt den Wildbestand ansteigen lässt (geringere Winterverluste, erhöhte Zuwachsraten besonders beim Rehwild, weniger „übergangene“ Schmaltiere), ist bei einer Entscheidung zur Fütterung auch die Entscheidung für einen höheren Abschuss zu treffen. Dabei ist nicht zu vergessen, dass neben dem nahezu nicht schätzbaren Rehwildbestand auch der Rotwildbestand häufig unterschätzt wird. So liegt die Dunkelziffer je nach lokalen Rahmenbedingungen (natürliches Äsungsangebot im Fütterungsumfeld, Anteil von „Selbstversorgern“ oder „Außenstehern“, Schneelage und Witterung, unregelmäßiger oder zeitversetzter Zuzug zur Fütterung) auch bei hervorragenden Zählbedingungen erfahrungsgemäß zwischen 15 und 40 %. Als Faustregel kann gelten, dass in einem durchschnittlich strukturierten Rotwildbestand im Alpenraum mit etwa einem Drittel Zuwachs zu rechnen ist. Damit gilt auch folgender Umkehrschluss: nachhaltiger Jahresabschuss mal drei = Mindest-Winterbestand.

 

Standort von Fütterungen und Schadensdruck

Der Standort einer Fütterung hat nicht nur einen Einfluss auf die Akzeptanz durch das Wild, sondern kann auch wildschadenauslösend oder krankheitsfördernd wirken. Die Anlage der Fütterung in einem ruhigen, sichtigen Baumbestand ermöglicht ein stressfreies Äsen sowie An- und Rückwechseln. Bei der Standortwahl muss auch eine mögliche Beunruhigung des Wildes besonders durch winterliche Sportaktivitäten wie Wanderwege, Langlaufloipen und Skitourenrouten berücksichtigt werden. Dem Wild muss ganztägig eine ungestörte und ausreichende Aufnahme des Futters ermöglicht werden. Die gleichzeitige Nahrungsaufnahme durch mehrere Wildtiere, z. B. Geiß mit Kitzen, muss ebenfalls gewährleistet sein, damit alle Tiere eines Rudels oder Sprunges die Fütterung „satt“ verlassen. Energiedichte, also kraftfutterbetonte Rationen oder Rationen mit hohem Eiweißgehalt und zu geringer Gehalt an Struktur erhöhen die Gefahr von Verbiss- und Schälschäden.

Fütterungen können zur Schadensminimierung beitragen, falls es gelingt, mit gezielter Fütterung das Wild in forstlich weniger problematischen Gebieten zu halten bzw. aktiv durch die Winterfütterung dorthin zu lenken. Generelle Standortfaktoren für Rot- und Rehwildfütterungen sind: Ruhe und Einstand, Übersicht für das Wild, ausreichender Platz, trockener Boden, Sonne und Wasser, Wind- und Lawinenschutz, Erreichbarkeit und Vorhandensein natürlicher Beiäsung. Für eine Rotwildfütterung ist eine ausreichend große Freifläche von günstigenfalls zumindest einem Hektar erforderlich. Diese Fläche sollte an lichtes Altholz grenzen. Allein daraus ist schon ersichtlich, dass – außer im Bereich der Waldgrenze – Fütterungsstandorte für Rotwild nichts ewig Beständiges sind, sondern evtl. alle 25 bis 50 Jahre aus forstlichen Gründen geändert werden müssen. Bei Rotwildfütterungen ist ein koordiniertes, revierübergreifendes Vorgehen bei der Standort- und Futtermittelwahl wichtig.

 

Um die Risiken für untragbare Verbissschäden gering zu halten, ist ein ausreichender Abstand von verjüngungsnotwendigen Waldbeständen, von ungesicherten Verjüngungen und von schälanfälligen Waldbeständen empfehlenswert. Besonders schälanfällig sind in Bergrevieren äsungsarme, fichtendominierte Dickungen und Stangenhölzer mit feinrindiger Fichte, in manchen Regionen auch Eschen- oder Tannenbestände und Kieferndickungen.

 

„Wiederkäuergerechtes“ Futter

Bei der Definition des Begriffs „wiederkäuergerecht“ gilt es zu bedenken, dass physiologische Unterschiede zwischen Rot- und Rehwild dazu führen, dass wiederkäuergerechte Bedingungen für Rehwild nicht unbedingt wiederkäuergerecht für Rotwild sein müssen und umgekehrt.

Rehe als Konzentratselektierer nehmen im Sommer sehr leicht verdauliche und energiereiche Teile von Gräsern, Kräutern, Blüten, Samen sowie Triebe, Knospen und Blätter auf. Voraussetzung zum Wiederkäuen ist ein Mindestgehalt an strukturwirksamer Rohfaser. Alleiniges Getreidefutter ist z. B. nicht wiederkäufähig. Das Vormagensystem der einzelnen Arten von Wildwiederkäuern kann man sich wie eine ausgeklügelte Gärkammer vorstellen, in welcher eine Vielzahl an mikroskopisch kleinen Lebewesen „arbeitet“. Die Aufgabe dieser Gärkammer besteht darin, Pflanzen oder Pflanzenteile, die für andere Tierarten nicht verdaulich sind, mit Hilfe der Mikroorganismen (Pansenflora) aufzuschließen und so verwertbar zu machen. Bei ausgewogener, wiederkäuergerechter Nahrung stellt sich immer ein Gleichgewicht zwischen jenen Mikroorganismen ein, die die gerade aufgenommenen Nahrungsbestandteile auch weiterverwerten können. Ändert sich die Nahrungszusammensetzung, ändert sich auch die Pansenflora. Kippt das Milieu der Pansenflora, beispielsweise bei Pansenübersäuerung, entsteht ein lebensbedrohlicher Zustand oder erhöht sich zumindest der Verbiss- und Schäldruck.

 

Heu, Gärheu, Laubheu

Der Schnittzeitpunkt bestimmt die Qualität des Futters. Dieser sollte daher für den ersten Aufwuchs für die Heuwerbung von Rehwildheu früh, also beim Ähren-Rispen-Schieben (hoher Anteil von Blattteilen) und für Rotwild nicht später als zu Beginn der Blüte von Goldhafer und Knaulgras gewählt werden. Die Struktur des Futters ist bei späterem Schnitt für die Verfütterung an Rehwild zu hart (allgemein für Rehwild besser zweiter und dritter Schnitt), während gröber strukturiertes Heu für Rotwild im Winter als ideales Grundfutter anzusehen ist. Zu Beginn der Fütterungszeit (Spätherbst, Frühwinter) benötigt auch Rotwild vermehrt rohprotein- und energiereiches Grundfutter, also auch blattreicheres Heu oder Grummet. Gärheu (Heulage) ist mit 50-60 % Trockenmasse noch kein richtiges Heu, aber auch keine Silage mehr. Dieses angewelkte Futter wird im Ballen unter Luftabschluss mittels Milchsäurevergärung konserviert. Gut gelungenes Gärheu ist aromatisiert, weist ein hervorragendes Gefüge auf und hat auch noch eine gute Strukturwirksamkeit. Gärheuballen sind trockener, gefrieren im Winter kaum, das Gärheu staubt nicht und hat zumeist hohe Inhaltsstoffe. Ein wertvolles und von Rehen sehr gerne angenommenes, aber arbeitsintensives Futtermittel ist Laubheu, das durch Abschneiden von Ästen und Zweigen von Laubbäumen (z. B. Esche, Eberesche, Ahorn), Sträuchern (z. B. Hartriegel) und von Himbeeren gewonnen wird. Die Äste und Zweige werden in Bündeln zusammengebunden und luftig aufgehängt. Beim Transport der getrockneten Bündel muss darauf geachtet werden, dass die Blätter nicht abbrechen (Transportsäcke).

 

Saftfuttermittel

Saftfuttermittel werden allgemein gerne angenommen und insbesondere Silagen haben aufgrund ihres Geruchs auch eine große Lockwirkung auf das Wild (entsprechende Qualität vorausgesetzt!). Die Lockwirkung wird jedoch auch öfter missbräuchlich genutzt. Silagen sind aber bei Rehwildfütterungen wegen des geringen täglichen Verbrauchs und der raschen Verderblichkeit als problematisch anzusehen, falls die Fütterung nicht alle zwei bis drei Tage erfolgt. Ist der Vorschub zu gering, können Silagen durch Luftzutritt eine unerwünschte Nacherwärmung durch Hefepilze oder Nachgärungen erfahren, Bakterien (z. B. Listerien) und (Schimmel-)Pilze vermehren sich ebenfalls rasant. Grassilage von frühen Schnittzeitpunkten oder körnerreiche, kurz gehäckselte Maissilage haben wenig strukturwirksame Rohfaser, bewirken damit geringeres Wiederkäuen und reduzierte Speichelproduktion (als Puffer für den Pansen notwendig) und können somit bei alleiniger Fütterung Schälschäden provozieren.

 

Hackfrüchte

Hackfrüchte (Rüben, Kartoffeln, Topinambur ...) haben einen sehr hohen Feuchtigkeitsgehalt (75-90 %), sind relativ kohlenhydratreich (Stärke, Zucker), aber sehr eiweiß-, mineralstoff- und rohfaserarm. Neben den stark unterschiedlichen Gehalten an wertbestimmenden Bestandteilen gelten die Verschmutzung sowie die Lagerung als heikle Punkte. Nach sechsmonatiger Lagerdauer sind etwa nur noch 10 % des Nährstoffgehaltes (Energie) in Rüben vorhanden. Einmal gefrorene Rüben verderben nach dem Auftauen sehr rasch (Fäulnis bzw. Schimmelbildung).

 

Was sind „Kraftfuttermittel“?

Kraftfuttermittel haben einen hohen Energie- bzw. Eiweiß(Protein-)gehalt. Deshalb dürfen sie nicht allein, sondern nur in Kombination mit rohfaserbetonten Grundfuttermitteln (Heu oder Grassilage nicht zu jungen Schnittes) an Wildwiederkäuer verfüttert werden. Kraftfuttermittel stellen lediglich eine Energie- bzw. Rohprotein-Ergänzung dar, wenn das angebotene Grundfutter bzw. die vorhandene Naturäsung den Bedarf des Wildes (Grundumsatz und Leistung) nicht zu decken vermag. Zu den in der Wildfütterung eingesetzten Kraftfuttermitteln zählen: Trockenschnitzel, Melasse, Treber, Trester und getrocknete Schlempen, Bierhefe, Maiskleber, Weizenkleie, Raps-, Sonnenblumen- und Sojabohnenextraktionsschrot, Ackerbohne, Erbse, Körnermais, Hafer, Gerste, Triticale, Weizen und Roggen. Auch Kastanien, Bucheckern und Eicheln sind aufgrund ihrer Gehaltswerte zum Kraftfutter zu zählen. Während Körnermais und die Getreidearten sehr energiereich sind, finden sich in den Hülsenfrüchten (Bohnen, Erbsen, Soja …) besonders hohe Anteile an Rohprotein. Diese stark unterschiedlichen Gehaltswerte sind beim Fütterungseinsatz unbedingt zu berücksichtigen. So wird es zum Beispiel nicht nur ernährungsphysiologisch unsinnig, sondern bereits tiergesundheitlich relevant (Leber- und Nierenschäden!), wenn rohproteinreiche Grundfuttermittel (gutes Grummet, Grassilage, Luzerneheu) mit Sojaschrot, Schlempen oder Treber, also ebenfalls rohproteinreichen Kraftfuttermitteln, ergänzt würden. Der Rohproteinüberhang dieser Ration hätte negative Auswirkungen auf das Äsungsverhalten der Tiere und Schälschäden sowie Verbiss könnten die Folge sein.

Körnermais und Getreidearten sind relativ energiereich und entfalten ihre pansenaggressive Wirkung insbesondere dann, wenn sie in Form von Bruchmais bzw. Getreideschrot vorgelegt werden. Durch Brechen/Schroten wird die Oberfläche des Kornes sehr stark vergrößert, die Stärke ist damit schnell im Pansen verfügbar, und dadurch kommt es zu einer sehr raschen und starken Absäuerung des Panseninhaltes (= Pansenübersäuerung).

Futtermittelhersteller bieten Kraftfutter auch in pelletierter Form an. Durch das Pelletieren (Pressen von zerkleinerten Futtermitteln) wird das Volumen reduziert, eine Entmischung der Komponenten verhindert, die Keimzahl abgesenkt und ein gewisser Aufschlusseffekt erzielt (höhere Verdaulichkeit). Der Vorteil von pelletiertem Kraftfutter liegt in der Möglichkeit, durch Mischungen eine gewisse Ausgewogenheit herstellen zu können. Tödliche Pansenazidosen sind jedoch auch bei Alleinvorlage von Pellets möglich.

Aus all den genannten Gründen darf Kraftfutter nur in Kombination mit qualitativ hochwertigem, für die Wildtierart entsprechend strukturiertem Grundfutter in Form einer ausgewogenen, wildwiederkäuergerechten Ration verfüttert werden, sofern der Lebensraum keine natürliche Äsung als Hauptkomponente liefert.

 

Drei-Phasen-Fütterung

Der Nährstoffbedarf von Rot- und Rehwild ist während der Fütterungsperiode nicht gleichbleibend, sondern verändert sich relativ stark. Dem physiologischen Bedürfnis von Wildtieren kommt man deshalb mit einer Phasenfütterung am nächsten. Dabei sind die drei Phasen Spätherbst bis Wintersonnenwende, Wintersonnenwende bis Tag-Nacht-Gleiche und die dritte Phase ab der Tag-Nacht-Gleiche im Frühjahr zu unterscheiden. Diese Einteilung stellt einen Einklang zwischen den sich ändernden Lichtverhältnissen und dem damit zusammenhängenden, hormonell gesteuerten Stoffwechsel, der letztlich auch den Bedarf bestimmt, dar. Unter winterlichen Lichtbedingungen (lange Nacht, kurzer Tag) wird der Stoffwechsel über das nun vermehrt produzierte Hormon Melatonin („Schlafhormon“) herabgesetzt. Zu Beginn der Fütterungsperiode ist aufgrund eines erhöhten Bedarfes eine energiereichere Versorgung zum Aufbau der wichtigen Feistdepots anzustreben. In der zweiten Phase (Jänner-Februar) soll die Versorgung vorwiegend über gröbere Grundfuttermittel abgedeckt werden, wodurch auf die natürliche Drosselung des Stoffwechsels der Wildtiere reagiert wird. In der dritten Phase sollte sich die vorgelegte Ration wieder der Zusammensetzung nähern, wie sie in der ersten Phase bestanden hat. Die Phasenfütterung ist auch bei reiner Heufütterung möglich. So kann in der ersten und dritten Phase Heu zweiten oder dritten Schnittes und im Hochwinter gröberes Heu ersten Schnittes vorgelegt werden.

 

Wildschaden durch Störung

Für ein Einzeltier zeigen sich die schwerwiegendsten Folgen einer Flucht im erhöhten Energieverbrauch, der wieder durch gesteigerte Äsungsaktivität wettgemacht werden muss. Oft kommt es durch Störungen zu Konzentrationen von Wild in ruhigen Teilen des Reviers und dort dann infolge der zu hohen Dichte zu entsprechenden Schäden. Das Ausmaß von Wildschäden wird in sehr starkem Ausmaß von der Wildverteilung beeinflusst. In diesem Zusammenhang sei darauf verwiesen, dass neben den touristischen auch die jagdlichen Aktivitäten mitbestimmend sind. Vor allem bei Schalenwild wird der Einfluss vorhandener Freizeitaktivitäten durch hohen Jagddruck erheblich intensiviert. VÖLK (1995) spricht in diesem Zusammenhang von der Gefahr der wechselseitigen Aufschaukelung durch jagdbedingte erhöhte Scheuheit des Wildes. Eine Bejagung an der Fütterung provoziert Wildschäden und ist deshalb kontraproduktiv. Sollte eine Bejagung im Fütterungszeitraum in der Nähe von Fütterungsstandorten in Ausnahmefällen unvermeidbar sein, so sind die landesgesetzlichen Bestimmungen natürlich einzuhalten, und es sollten diese Abschüsse hauptsächlich beim Wegziehen des gesättigten Wildes am Morgen erfolgen. Hungriges Wild beim Zuzug zur Fütterung zu bejagen, verlagert die Nahrungsaufnahme auf die Waldvegetation im Bereich schützender Einstände.

 

Der „Warteraumeffekt“

Unregelmäßige Futtervorlagen, zeitweise leere Tröge und Raufen, Störungen des Wildes bei der Fütterung, Jagddruck im Bereich der Fütterungsstandorte oder für den Fütterungsstand unterdimensionierte Anlagen führen dazu, dass zur Fütterung anwechselndes, hungriges Wild, das noch kein Futter aufnehmen kann, durch den „Warteraumeffekt“ geradezu angeregt wird, zu verbeißen oder zu schälen. Ein ebensolcher Effekt ergibt sich im Gebirge bei extremen Schneelagen oder bei infolge der Lawinengefahr nicht mehr zugänglichen Fütterungsstandorten, an die das Wild gebunden wurde. In solchen Fällen ist neben den Schäden mit erheblichen Ausfällen durch Verhungern zu rechnen.

 


Links: Starker Verbissdruck infolge des „Warteraumeffektes“ bei einer Rehfütterung an der zu unregelmäßigen Zeiten 1-2 Fahrzeuge pro Tag vorbeifahren.

Rechts: Bei zumindest 1 m breiten und entsprechend langen Futtertischen sind Futterstreitereien stark reduziert – Hirsche, Tiere und Kälber an einem Futtertisch.

 

Der „Fresstrieb“, besonders von gefüttertem Wild, kann auch durch Stimmungsübertragung zwischen den Stücken ausgelöst werden, wenn ein futteraufnehmendes Stück beobachtet wird. Auf diese Weise stimulierter Hunger und physiologischer Hunger können sich addieren. Solche Situationen ergeben sich oft an Fütterungen mit zu wenigen Futterplätzen, wenn rangniedrigere Tiere noch warten müssen. Die Addition der Hungerarten löst einen Fresstrieb aus, der das Tier zur Aufnahme von wenig oder fast ganz unverdaulicher Äsung veranlasst. Schäl- und Verbissschäden (siehe z. B. Rehwildfütterungen in der Nähe von verbissgefährdeten Flächen) in der engeren und weiteren Umgebung von Fütterungen können allein dadurch ausgelöst werden. Rotwild zeigt einen ausgeprägten Futterneid untereinander. Rangniedere Tiere werden von ranghöheren von der Fütterung abgedrängt, wenn es zu wenige Futterplätze oder allzu attraktive Futtermittel gibt (bei Heufütterung erfolgt die Futteraufnahme ruhiger). Die abgeschlagenen Stücke suchen entweder in der Umgebung der Fütterung nach Äsung und verursachen Schäden oder ziehen noch hungrig mit dem Rudel in die Fütterungseinstände, wo sie ebenfalls Schäden anrichten können.


 Kompensierung und Wildschäden

Die triebhafte Suche nach bestimmten Futtereigenschaften, die zu unterschiedlicher Äsungs- bzw. Futterauswahl führt, wird durch den Kompensierungsdrang (Drang nach Ausgleich) ausgelöst. Ist der Mangel an bestimmten Nährstoffen, Spurenelementen oder Mengen zu groß, kann der Hunger nach diesem Inhaltsstoff zu einer Überkompensierung führen. Dann wird der ursprüngliche Nährstoffmangel zum Überschuss, was einen neuen, entgegengesetzten Kompensierungsdrang auslöst (BUBENIK, 1956). Das führt einerseits zu größerer Futteraufnahme als physiologisch nötig und andererseits zur Bevorzugung von Nahrung, die sonst von geringer Bedeutung oder gar nicht nötig ist. Die Störungen des Fresstriebs und die Überkompensierung gehören zu den wichtigsten Ursachen eines übernormalen Verbisses und des Schälens. Denn der Kompensierungsdrang veranlasst nicht artgerecht gefütterte Tiere dazu, eine unausgewogene Zusammensetzung des Futters auszugleichen. Auch die Untersuchungen von ARNOLD et al. (2005) belegen, dass bei einer zu eiweißreichen Fütterung von Rotwild im Winter die Akzeptanz nachlässt und die Verbisshäufigkeit in der Umgebung der Fütterung durch die Kompensierung deutlich zunimmt.

 

Salzvorlage und Verbissschäden

Da in Pflanzen 4- bis 80-mal mehr Kalium als Natrium enthalten ist, müssen Wiederkäuer täglich große Kaliummengen ausscheiden und diese durch Natrium ersetzen. Falls täglich Natrium zur Verfügung steht, können sie „salzsüchtig“ werden und den Überschuss nur durch größere Wasseraufnahmen ausscheiden. Dies kann im Winter besonders bei Schnee- und Wassermangel zu unnötigen Verbissschäden führen, die immer wieder in der Nähe von Sulzen zu beobachten sind. Deshalb sollten Salzlecken günstigenfalls nur im Sommerhalbjahr angeboten werden.

 

Kleine Fehler – große Wirkungen

Die Empfindlichkeit des Verdauungssystems von Wildwiederkäuern sowie die erhöhte Anfälligkeit von Wäldern und die verringerte Toleranz gegenüber Verbiss oder Schälung stellen in unserer mehrfach intensiv genutzten Kulturlandschaft enorm hohe Anforderungen an die Hege mit dem Futterbeutel. Wenn diese hohe Professionalität (ja geradezu „Fehlerlosigkeit“) nicht gewährleistet werden kann, wird die Wirkung der Wildfütterung sehr rasch kontraproduktiv. Dies soll anhand von zwei Beispielen aus empfindlichen Lebensräumen verdeutlicht werden:

 

Beispiel 1: Fütterung und Schälrisiko

Je äsungsärmer und fichtenreicher die dichteren Wintereinstände sind, die einen guten Witterungs- und Feindschutz bieten, desto höher ist das Schälrisiko. Denn Rotwild, das sich aus dieser Deckung nicht hinauswagt, kann im Rückzugsraum nur durch Schälen der Baumrinden seinen Hunger stillen. Immerhin weist feine Fichtenrinde einen Nährwert auf, der etwa mittleren Heu-Qualitäten entspricht.

 

Dazu ein Rechenbeispiel:

Schält ein Stück Rotwild von einer rund 15-20 cm starken Fichte die feine Rinde am halben Umfang des Stammes 25 cm hoch ab, kann es damit etwa ein Prozent seines täglichen Nahrungsbedarfs decken (rund 30 g Trockensubstanz). Wenn 50 Stück Rotwild während eines Winters nur zweimal tagsüber der Fütterung fernbleiben (z. B. Störung oder zu wenig Futter) und stattdessen im äsungsarmen Einstand einen Teil ihres Nahrungsbedarfs mit feiner Fichtenrinde abdecken – nehmen wir für diese Rechnung an, etwa ein Drittel des Tagesbedarfs –, dann ist nach fünf Jahren innerhalb dieses Einstandes mit 16.500 Schälwunden zu rechnen. Halbherzig oder knapp bemessen zu füttern oder das Rotwild im Fütterungsbereich zu stören, muss man somit als Katastrophe für den Wald einstufen.

 

Beispiel 2: Fütterung und Verbissrisiko

Der unbedarfte Betrachter wird wohl am ehesten davon ausgehen, dass eine Fütterung des Rehwildes vor allem in schneereichen Bergregionen zu rechtfertigen oder zu fordern sei und dass in klimatisch günstigen Tieflagen die Winterfütterung am ehesten entbehrlich sein dürfte. Wenn allerdings die Verbissschadensreduktion im Vordergrund steht, ist die Sache genau umgekehrt! In den klimatisch milderen Lebensräumen mit landwirtschaftlich intensiv genutzten Flächen wurde die „Schere“ zwischen sommerlichem und winterlichem Nahrungsangebot massiv geöffnet. Während der Vegetationszeit gibt es auf Äckern und Wiesen für das Rehwild großflächig einen reich gedeckten Tisch – das erlaubt hohe Zuwachsraten. Außerhalb der Vegetationszeit hingegen bzw. bereits unmittelbar mit der Ernte herrschen massive Nahrungsengpässe. Dadurch kommt es in den verbliebenen Waldinseln zu einem enormen saisonalen Anstieg der Wilddichte. Unter solchen Rahmenbedingungen lässt sich mittels Fütterung des Rehwildes außerhalb dieser Waldinseln eine erhebliche Verbissentlastung erzielen, wenn gleichzeitig für entsprechende Deckungs- und Äsungsmöglichkeiten abseits des Waldes gesorgt wird. Andererseits gibt es in schneereichen Gebirgslebensräumen Gebiete, in denen auf eine Winterfütterung des Rehwildes aus Waldschutzgründen unbedingt verzichtet werden sollte (Standortwahl!). Das sind karge und langsam wüchsige Standorte, die ein erheblicher Teil des Rehwildes von Natur aus im Herbst verlässt und an die es erst nach dem Austreiben der Bodenvegetation und der Baumknospen wieder zurückkehren würde – also wenn das Verbissrisiko für die Gehölze hier schon wieder wesentlich geringer ist. Ausreichend und artgerecht gefüttertes Rehwild kann in solchen Regionen zwar im Hochwinter den überwiegenden Teil der Äsung an der Fütterung aufnehmen, während der Übergangszeiten wird es jedoch mit Vorliebe die nun endlich wieder verfügbare Naturäsung annehmen (z. B. Gehölztriebe).

 

Dazu ein Rechenbeispiel:

Geht man davon aus, dass in montanen Bergmischwäldern vor dem Austreiben der Gräser und Kräuter – sobald die Wipfel der jungen Laubbäume aus dem Schnee herausragen – der Laubholzanteil im Rehwildpansen mit rund 15 % anzusetzen ist, ergibt das bei einem Tagesbedarf von rund 1,4 kg Frischsubstanz rund 210 g Laubgehölze. Sind nur rund 10 % davon Leittriebe von Wirtschaftsbaumarten, ergibt das 21 g Leittriebe. Ein durchschnittlicher Laubholztrieb von 5 cm Länge hat ein Gewicht von rund 1 g. Daraus errechnet sich, dass pro Tag 21 Leittriebe im Pansen eines solchen Rehs landen werden, und das über mehrere Wochen hinweg. Hält man durch die Winterfütterung zum Beispiel 10 Stück Rehwild in solchen Lagen zurück, statt sie abwandern zu lassen, werden diese Rehe während der Übergangszeit zwischen Ausapern und Austreiben der Bodenvegetation die spärliche Laubholzverjüngung erheblich beäsen, auch wenn sich diese 10 Rehe während des gesamten Winters nur an der Fütterung ernährt haben sollten. Führt man die obige Rechnung weiter und geht davon aus, dass die 10 Rehe erst etwa drei Wochen nach dem Ausapern wieder aus günstigeren Lagen zugewandert wären, wenn man sie nicht durch Fütterung hier „angebunden“ hätte, so ergibt sich für diese 21 Tage eine Mehrbelastung der Waldverjüngung von 4.410 Laubholz-Leittrieben. Diese Menge wird auf kargen Standorten zu einem Ausbleiben der Verjüngung oder zumindest zu einer massiven Baumarten-Entmischung führen.

 

Chance oder Risiko für den Wald? – Versuch einer Bilanz

Die plausibel erscheinende Theorie einer erfolgreichen Winterfütterung lautet: „Was an der Fütterung an Nahrung aufgenommen wird, wird nicht gleichzeitig im Wald weggeäst – deshalb leistet jede Fütterung einen gewissen Beitrag zur Wildschadensvermeidung.“

Diese Einschätzung wird allerdings nur unter folgenden fünf Voraussetzungen in der Praxis zutreffen:

 

1. Wenn der Fütterungsstandort und die Fütterungseinstände abseits von verbiss- oder

schälgefährdeten Flächen liegen und beim Rotwild eine revierübergreifende Abstimmung stattfindet.

2. Wenn bei der Futtermittelwahl keinerlei Fehler gemacht werden.

3. Wenn alle zuziehenden Stücke jederzeit ausreichend Futter aufnehmen können.

4. Wenn es keinerlei Störungen am Futterplatz, im Fütterungseinstand und im Bereich der Wechsel dazwischen gibt (auch keine jagdlichen!) – kein „Warteraumeffekt“.

5. Wenn es zu keiner Zunahme des Wildbestandes kommt (voller jagdlicher Ausgleich für verringerte Fallwildzahlen und für erhöhten Zuwachs).

Kurzfassung eines Vortrags gehalten von Univ. Doz. Dr. Armin Deutz

Seminar „Wildschäden laut ÖWI – wie reagiert die Jagd?“, 23.2.2012, Ossiach


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