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Gut Hardegg


Monokulturen, extensive Nutzung der Böden und seit den 1980ern ein kontinuierliches Sinken der Artenvielfalt. Das sind Schlagworte, die man immer wieder im Zusammenhang mit moderner Landwirtschaft liest und hört. Ein düsteres Bild ergibt sich. Dass es auch ganz anders geht, zeigt Maximilian Hardegg mit seinem Landwirtschaftsbetrieb „Gut Hardegg“ im Weinviertel. Das Motto dort lautet „gelebte Artenvielfalt“ – eine zentrale Rolle spielt dabei ein jagdliches Naturverständnis.

Seefeld-Kadolz ist auf den ersten Blick einer jener Orte, wie er typisch ist für das nördliche Niederösterreich. Um einen historischen Ortskern samt Kirche gruppieren sich vor allem Einfamilienhäuser, dazwischen ein paar Nahversorger und Gaststätten. Jenseits der Ortsgrenze beginnen unmittelbar Felder und Wiesen, die den Großteil der Gemeindefläche ausmachen; lediglich 7% werden von Wald bedeckt. 

 Knapp tausend Menschen leben hier in der ältesten Marktgemeinde im Pulkautal. Sie wurde bereits 1108 – damals Sitz der Kadolten – zum Markt erhoben. Der für das Tal namensgebende Fluss windet sich knapp 50 Kilometer von West nach Ost durch das wellige Hügelland des Weinviertels, bis er schließlich bei Laa in die Thaya mündet. Auch die Grenze zur Tschechischen Republik ist von hier nur den berühmten Steinwurf entfernt.

Bei all den Gemeinsamkeiten und Ähnlichkeiten mit den Ortschaften des Umlandes beheimatet Seefeld-Kadolz einen Landwirtschaftsbetrieb, der in vielerlei Hinsicht einzigartig ist, und auch jenseits von Österreich seinesgleichen sucht: Das Gut Hardegg mit seinem Betreiber Maximilian Hardegg. Nicht nur die bewirtschaftete Fläche – knapp 2200 Hektar und zusätzliche 35 Hektar Bio-Weingärten – stellt ein Unikum für hiesige Verhältnisse dar. Es ist vor allem das WIE, die Art und Weise wie am Gut Hardegg gearbeitet wird, was es besonders macht. Gewirtschaftet wird dort nämlich ganz im Zeichen der Artenvielfalt, des Tierwohls und der Biodiversität. So lautet auch das Motto des Gutes „gelebte Artenvielfalt“. Der Schlüssel zum Erfolg ist hierbei – so Maximilian Hardegg – ein jagdliches Naturverständnis. Doch alles der Reihe nach.

Zehn Generationen 

Das Gut Hardegg kann auf eine ebenso lange wie stolze Familiengeschichte in der Region zurückblicken. Im Jahr 1495 wurde nämlich ein adeliges Brüderpaar – Sigmund und Heinrich Pruschenk –, die im Dienste Kaiser Maximilians I. standen, zu den Reichsgrafen von Hardegg ernannt und mit weitläufigen Gebieten im Weinviertel belehnt. Heinrich ist ein direkter Vorfahre von Maximilian Hardegg. Der heutige Familienname leitet sich von der Burg Hardegg ab, die sich etwa 25 Kilometer westlich von Seefeld-Kadolz befindet. Diese Wehranlage liegt knapp 350 Meter über der Thaya, die sich tief und mäandernd in das umgebende Hügelland eingefurcht hat. Von den „Ecken“ und Schleifen, die die Thaya hier macht, rührt auch der Name der Burg. 1632 wurde der Familiensitz nach Seefeld-Kadolz verlegt. An der Stelle, an der die oben bereits erwähnten Kadolten einst eine Wasserburg erbauen ließen, wurde in den Jahren 1705-1710 ein prächtiges Barockschloss errichtet. Dieses Schloss bildet noch heute den architektonischen Mittelpunkt des Gutes Hardeggs und wird von Maximilian Hardegg, der 1992 umfangreiche Restaurierungsarbeiten veranlasste, und seiner Familie genutzt.

Im Wandel der Zeit 

 Schon Quellen aus dem frühen 16. Jahrhundert belegen, dass auf den umliegenden Hügeln und Rieden Weinbau betrieben wurde. Der verwinkelte und weit verzweigte barocke Keller unter dem Schloss, in dem noch heute Sekt gekeltert wird, unterstreicht dies eindrücklich. Aber mit den Jahren, die ins Land zogen, änderte sich nicht nur die Art und Weise wie Landwirtschaft betrieben wird und das Verhältnis der Menschen zu dieser, sondern auch die Intention und Motivation. An die Stelle der Abhängigkeit von der Natur traten massive Eingriffe in diese und eine Fokussierung auf Effizienz und Gewinn. Stete Verbesserung der Erträge, eine effizientere Bodennutzung und eine allgemeine Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität waren das Credo der Landwirtschaft im Österreich des 20. Jahrhunderts. Leidtragende war dabei wie so oft die Natur und mit ihr die Artenvielfalt. 

Auch ältere Entwicklungen wie Flussbegradigungen oder das Trockenlegen von Wiesen trugen ihren Teil dazu  bei, denn wie der Namen vermuten lässt, war auch die Gegend rundum Seefeld-Kadolz bis vor etwa 100 Jahren noch von Teichlandschaften geprägt. Auch die Pulkau trat regelmäßig über ihre Ufer.

Mit dem „Ausräumen“ der Landschaften, wie es Maximilian Hardegg in seinem „Plädoyer für den Wert der Natur“ beschreibt, welches man auf der Webseite von Gut Hardegg nachlesen kann, ging ein beträchtlicher Rückgang von Flora und Fauna einher. Sei es die mehrmalige Mahd der Wiesen, welche oft während der Brut- und Setzzeit erfolgte und Wildtieren nur noch schmale Zeitfenster zur Vermehrung ließen, oder aufgrund des sogenannten Ernteschocks – wenn nach dem Einbringen der Ernte schlagartig nur noch Stoppeln auf dem Feld vorzufinden waren – verlor das Wild sowohl Deckung als auch wichtige Futterquellen. Die Zahlen sprechen hierbei eine betrübende Sprache und zeigen einen Rückgang von fast 60% hinsichtlich der Biodiversität seit den 1980er-Jahren auf.

Jagdliches Naturverständnis 

 Maximilian Hardegg erkannte, dass etwas unternommen werden musste und stellte fest, dass moderne Landwirtschaft und Artenvielfalt in einer satten Natur kein Widerspruch sein müssen, sondern ganz im Gegenteil miteinander vereinbar sind. Um diese Synergien zu entwickeln, sei ein jagdliches Verständnis der Natur ausschlaggebend, sagt Maximilian Hardegg, der auch studierter Agrarwissenschaftler ist. Diese Verbindung zur Jagd liege laut ihm „in der DNA der Familie“. Man müsse sich dabei in die Rolle der Wildes versetzen und der Frage nachgehen, was das jeweilige Tier zu welchem Zeitpunkt braucht. Aus diesem ganzheitlichen Impetus heraus ergriff Maximilian Hardegg mit seinem Betrieb eine Vielzahl von Maßnahmen, die das Verschwinden der Artenvielfalt nicht nur bremsen und verlangsamen sollen, sondern im Gegenteil zum Ziel hat, die Biodiversität wieder zu erhöhen. Im Zentrum dieses Unterfangens steht ein 4-Säulen-Modell:

1. Bewirtschaftungsmaßnahmen 

Darunter wird am Gut Hardegg verstanden, dass Landwirtschaft auch ohne größere Nachteile auf Wildbestände Rücksicht nehmen kann. So wird etwa von Beginn der Brutzeit im April bis Mitte Juli auf das Mulchen verzichtet. Dies kommt nicht nur den Insekten, sondern auch Tieren, die die Brachflächen zum Setzen nützen, entgegen. 

 2. Ganzjährige Fütterung 

 Auf Basis von wildbiologischen Ansätzen werden Wild und Vögel am Gut das ganze Jahr hindurch gefüttert. Dies geschieht mit Reststoffen der Landwirtschaft, die nicht einfach entsorgt, sondern auf über hundert Futterstationen am gesamten Gut ausgebracht und verteilt werden. Das entspricht etwa 1-2% der jährlichen Erntemenge. Maximilian Hardegg stützt sich hierbei auf Untersuchungen des deutschen Ornithologen Peter Berthold, der in der ganzjährigen Fütterung das Mittel der Wahl sieht, um auch kommenden Generationen eine artenreiche Natur zu hinterlassen.


3. Schaffung und Verbesserung von Lebensraum für das Wild 

Dazu gehört etwa das Anlegen von kleinen Teichen und von Freiflächen innerhalb von Feldern, die Vögeln wie Kibitzen und Lerchen als Brutstätte dienen. Ebenso werden an den Rändern von Feldern Sträucher und Obstbäume gesetzt, wie etwa Schlehdorn, Berberitzen oder Vogelbeeren. Diese verhindern nicht nur die Austrocknung des Bodens, sondern bieten dem Wild sowohl Nahrung als auch Deckung. Daneben sind es die Errichtung von Wildbrücken und die Renaturierung der Pulkau, die das Gut Hardegg als Erfolgsprojekte vorweisen kann. 

4. Lebensraumbetreuung 

 Besonders bei dieser Säule ist der Blick des Jägers von entscheidender Bedeutung. Was muss unternommen werden, damit sich das Niederwild vermehrt? Was sind die Idealbedingungen für eine Fasanhenne während der Brutzeit? Fragen, die über das Jahr hinweg immer mitgedacht werden müssen. So stellte Maximilian Hardegg etwa fest, dass es teils eklatante Unterschiede bei Kulturpflanzen gibt, hinsichtlich ihrer Rolle als Habitat für Wildtiere. Am besten schneidet hier die Körnererbse ab, am schlechtesten der Körnermais. Als Ausgleichsmaßnahme werden am Gut Hardegg Blühstreifen gesetzt, die vor allem Insekten anziehen. Zweiter Faktor ist die Regulierung des Raubwildes. Der Fütterung und Hege kommt dabei ein mindestens so hoher Stellenwert beigemessen wie der landwirtschaftlichen Arbeit. Pro Jahr werden 1-2 Jagdtage abgehalten, bei denen das Ziel ist, das Raubwild auf ein für Singvögel und Niederwild erträgliches Maß zu bringen. Auf ein erlegtes Stück Niederwild kommt dabei etwa ein halbes Stück Raubwild.

Kein stummer Frühling 

 Dieser unorthodoxe Zugang zur Landwirtschaft mag auf den ersten Blick idealistisch anmuten und auch Zweifel schüren, wie so ein Betrieb wirtschaftlich arbeiten kann. Aber der Erfolg des Unterfangens gibt Maximilian Hardegg und seiner ganzheitlichen Biodiversitäts-Strategie Recht. Nicht nur beschäftigt das Gut Hardegg rund 40 Mitarbeiter, die in allen Sparten des Betriebes hochklassige Produkte erzeugen, und stellt damit einen wichtigen Arbeitsgeber in der Region dar, sondern verhilft auch der Natur wieder zu „Leben und Schönheit“, wie es Maximilian Hardegg in seinem Plädoyer beschreibt. Am eindrücklichsten zeigt sich dieser Erfolg wohl bei der jährlichen Singvogelzählung. Diese wird seit über fünf Jahren regelmäßig abgehalten und steht auch neugierigen Interessenten offen. Europaweit werden dabei im Rahmen des „Big Farmland Bird Count“, einer Initiative aus dem Vereinigten Königreich, im Zeitraum vom 4. bis 20. Februar Zählungen durchgeführt. 2019 konnten am Gut Hardegg dabei sagenhafte 71 Vogelarten ausgemacht werden. Fotos dieser Vögel, die hier beheimatet sind, kann man im Übrigen in einer herrlichen Galerie auf der Webseite des Gutes bestaunen. Daneben bietet das Gut Hardegg auch Singvogel-Schulungen mit namhaften Experten an, an denen man kostenfrei teilnehmen kann.

Aktionen wie die Vogelzählung sind der ideale Weg zur Bewusstseinsbildung, sowohl bei Landwirten als auch der Bevölkerung, um zu zeigen, dass Landwirtschaft und Artenvielfalt nicht nur keine Gegensätze sind, sondern sich viel mehr wechselseitig bedingen und in diesem Spannungsfeld auch Synergien entstehen können. Dass Jagd und Ackerbau sich nicht gegenüberstehen sollen, sondern wie Zahnräder ineinandergreifen müssen und dass Innovation und Tradition zwei Seiten derselben Medaille sind, zeigt der Erfolg des Gutes Hardegg. Letzteres ist auch der Punkt, der Maximilian Hardegg besonders am Herzen liegt. Nicht nur geht es ihm darum, aufzuzeigen, wie sich eine zukunftsträchtige Landwirtschaft in Europa gestalten könnte, sondern auch darum, wie die uns umgebende Natur sowohl als Lebensgrundlage als auch als ein Ort der Erholung für kommende Generationen erhalten werden kann.

 Nach dem Treiben

TEXT: David Mehlhart 

 FOTOS: Gut Hardegg | Philipp Horak

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