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Ein angeschossener Treiber oder ein toter Jagdhund – Unglücksfälle, die leider immer wieder vorkommen. Ist der Unfallhergang unklar, werden kriminalistischforensische Sachverständige beauftragt, die mit wissenschaftlichen Methoden rekonstruieren, was am Unglückstag wirklich geschehen ist. Jagern erhielt von Prof. Dr. Armin Zotter, international anerkannter Experte für Ballistik und selbst begeisterter Jäger, einen kleinen Einblick in die Methoden der Jagdforensik.

„Als ballistischer Sachverständiger bewegt man sich an der Grenze zwischen technischen Untersuchungen und den Rechtswissenschaften. Zumindest die Hälfte unserer Arbeit ist das Einhalten juristisch-forensischer Regeln“, klärt mich Armin, der ausgebildeter Waffentechniker und promovierter Maschinenbauer ist, zu Beginn unseres Gesprächs in seinem Wiener Büro auf. Seine Gutachten sind international gefragt, wenn es um die gerichtliche Bewertung im Gebrauch von Schuss-, Stich- oder Schlagwaffen geht. Zwar handelt es sich nur bei einem Bruchteil davon um Fälle mit jagdlichem Hintergrund, nichtsdestoweniger interessieren mich genau jene und wie man sie vielleicht verhindern könnte.

Anhand von anonymisierten Beispielen bekomme ich einen kleinen Einblick in Armins Arbeit. Beim ersten Fall handelte es sich um einen Treiber, der durch eine Schrotladung schwer verletzt wurde. Um zu klären, wer der Unglücksschütze war, wurde Armins Büro vom Gericht zu Rate gezogen – wie meist, wenn seine Dienste benötigt werden. Die Untersuchungen begannen nach dem üblichen Aktenstudium mit einer Begehung der Unfallstelle und der Analyse von Zeugenaussagen, um die Aufstellung der in Frage kommenden Schützen zu rekonstruieren. „Wenn es drei Zeugen gibt, gibt es auch drei verschiedene Versionen, was geschehen ist“, gibt Armin zu bedenken und erklärt weiters:  Dann muss ich die verschiedenen Versionen durchgehen und anhand von wissenschaftlich reproduzierbaren Messungen zu einer Aussage kommen, wie es mit höchster Wahrscheinlichkeit gewesen ist.

Dafür gibt es genau definierte Abläufe. „Wir bestimmen mit professionellem Gerät die Entfernungen inklusive aller Winkel und Höhendifferenzen“, erklärt mir Armin. „Dazu legen wir Tatortbuchstaben aus, wo jemand – je nach Version – gestanden ist. Dann muss man beachten, dass die Witterung anders gewesen sein könnte, dass die Vegetation sich verändert usw.“ Danach können Simulationen der Außenballistik mittels CAD vorgenommen werden oder auch eine Tatortrekonstruktion vor Ort von Nöten sein. Im vorliegenden Fall konnte anhand der Voruntersuchungen eine Zeugenvariante bereits ausgeschlossen werden. Für die beiden verbliebenen Möglichkeiten wurde nun die Hose des angeschossenen Treibers wichtig. „Hosen lügen nicht“, schmunzelt Armin. „Deshalb haben wir die Hose des Verunfallten nicht nur genau untersucht, sondern uns auch das gleiche Modell mehrmals gekauft und in der jeweiligen Tatortrekonstruktion beschossen. Da wurde dann schnell klar, welche der zwei verbliebenen Varianten die wahrscheinlichere gewesen ist.“


Was macht man aber, wenn nicht klar ist, wer als Unfallschütze in Frage kommt? „Dann kann man anhand der Geschossfragemente eine chemische Analyse der Munition vornehmen, die am Unfalltag verwendet wurde“, so Armin. „Man schaut sich einerseits die Schrotkörner, die die Chirurgen aus dem Opfer herausgeholt haben, mittels Spektralanalyse an, andererseits sammelt man von allen Jagdteilnehmern jeweils eine Munitionsprobe ein, delaboriert und anonymisiert sie und schickt sie ebenfalls ins Labor. Dann kann man recht schnell sagen, welches Fabrikat es war. Hat nur einer damit geschossen, ist es klar. Haben mehrere damit geschossen, kann man zumindest den Kreis der Verdächtigen eingrenzen.“ 

Ich frage, ob es nicht ausreichen würde, die Korngröße der operativ entfernten Schrotkörner anzugeben und mit den verwendeten Patronen zu vergleichen. „Nein, denn Schrotkörner, die Gewebe durchschlagen, deformieren dabei oder sind beim Abarbeiten der innewohnenden kinetischen Energie zerquetscht worden.“ 

Dass die Deformierung von Munition immer wieder zu Missverständnissen führen kann, zeigt mir Armin anhand des zweiten Beispiels. Hierbei wurden zwei wildernde Hunde mit einem Schuss zugleich getötet. „Das Problem war, dass die Zeugenaussagen nicht zusammengepasst haben“, berichtet Armin. „Wir konnten anhand unserer Versuche aber zeigen, dass das verwendete Büchsengeschoss beim Durchschlagen des ersten Hundes scharfkantig aufsplitterte und beim zweiten eine Verletzung hinterließ, die aussah, als wäre sie von einer Stichwaffe verursacht worden. Das hat die Aussage des Beschuldigten untermauert.“ Für diesen Versuch bauten Armin und sein Team Hunde aus ballistischem Ton – dieser hat dieselben Beschaffenheiten wie echtes Gewebe –, Bindegewebs- und Hautersatz nach und beschossen sie aus der gleichen Entfernung, dem gleichen Winkel und der gleichen Waffe und mit Munition, wie am Unglückstag. Mit dem Ergebnis: „Unsere Versuche konnten den Beschuldigten entlasten“, so Armin.



1. Schaut euch den Kugelfang gut an. Von nassem Holz rutschen Geschosse gerade so ab und auf steinigem Untergrund können sie leicht zersplittern. 

 2. Schießt aus Sicherheitsgründen mit nicht zu schwerem Kaliber im Revier. Bei einer großkalibrigen Waffe verliert das Geschoss nur einen Bruchteil seiner Energie, wenn es den Wildkörper durchschlägt und kann noch hunderte Meter weit fliegen und Mensch und Tier verletzen! 

3. Organisiert ihr eine Treibjagd, schreibt genau mit, wer teilnimmt und wo er angestellt wird. Idealerweise vermerkt ihr auch Waffe und Munition. Wenn doch etwas passieren sollte, schreibt so bald wie möglich auf, was ihr gehört oder gesehen habt. Gerichtsverhandlungen dauern oft länger, als das Gedächtnis verlässlich Informationen speichern kann.

TEXT: Eva Weiler 

FOTO: Armin Zotter



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