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In Volksliedern, Romanen und Heimatfilmen ist er häufig anzutreffen, und seine Gestalt wird meist mit kerniger Naturverbundenheit und geradezu heroischem Wagemut in Verbindung gebracht. Treffsicherheit, Geduld sowie ein hohes Maß an Gerissenheit gehören ebenso zu seinen Attributen. Die Rede ist hier leider nicht vom Jäger, sondern vielmehr von dessen Gegenspieler, dem Wilderer. Häufig wird dieser als edelmütiger Sozialrebell dargestellt, was sich jedoch vor dem Hintergrund der weitaus komplizierteren historischen Verhältnisse vielfach als verklärende Vereinfachung herausstellt.

Grundsätzlich lässt sich Wilderei als „unberechtigte Ausübung der Jagd“ definieren. Erste das Weidwerk betreffende Bestimmungen wurden von der fränkischen Königsdynastie der Merowinger im Frühmittelalter erlassen, welche das bis dato für jedermann freie Jagdrecht einschränkten. Dieser Ansatz wurde von den Oberschichten in ganz Europa weiterverfolgt, sodass im 15. Jahrhundert bis auf wenige Ausnahmen nur mehr Adlige jagen durften. Untertanen, die sich über das strenge Verbot hinwegsetzten und trotzdem dem Wild nachstellten, drohten bei Ergreifung gravierende Konsequenzen, welche mitunter die Todesstrafe einschlossen. Die angewandte Härte erklärt sich teilweise daraus, dass Wilddiebstahl von den feudalen Obrigkeiten auch als politisches Verbrechen wahrgenommen wurde. Immerhin vergriffen sich die Delinquenten ja am persönlichen Besitz der Adligen in Form des Wildes. Nichtsdestoweniger schien die Wilderei eine verlockende Tätigkeit für die Untertanen gewesen zu sein. Der Historiker Norbert Schindler konnte für den Zeitraum zwischen 1750 und 1800 allein in den Akten des Pfleggerichts Golling ganze 91 Fälle der Wilderei ausfindig machen, in welche insgesamt an die 145 Personen verwickelt waren. In diese Zeit fällt auch die Tätigkeit des schon zu Lebzeiten berühmten Wilderers Matthias Klostermayr, besser bekannt als der „Bayrische Hiasl“. Dieser war bis zu seiner Ergreifung und Hinrichtung im Jahre 1771 im damaligen Grenzgebiet zwischen Schwaben und Bayern nahe seinem Geburtsort Kissingen aktiv. Neben Wild machte er dort mit seiner Bande auch staatliche Steuereinnahmen zu seiner Beute, welche er anscheinend teilweise wieder an die lokale Bevölkerung verschenkte. Abgesehen davon, dass Klostermayr noch heute in Bayern und darüber hinaus in Liedern als Volksheld besungen wird, soll er Friedrich Schiller angeblich sogar als Vorlage für die Figur des Karl Moor in Die Räuber gedient haben.

Als Mitte des 19. Jahrhunderts auch den Untertanen das Jagen erlaubt wurde, blieben diejenigen außen vor, welche sich das Patent oder die Pacht eines Revieres nicht leisten konnten. Armut war oft der motivationale Hauptfaktor für Wilderer. Daher verwundert es nicht, dass der Großteil der in Gerichtsakten dokumentierten Fälle von Wilddiebstahl der Eigenversorgung diente. In solchen Fällen wurden die Lebensumstände des Täters häufig als Grund für eine Strafminderung berücksichtigt. Ein weiterer Grund für unerlaubtes Jagen bestand des Öfteren in der Verhinderung von Wildschäden an den die bäuerliche Lebensgrundlage sichernden Feldern. Die Inhaber von Revieren waren zwar dazu verpflichtet, Entschädigungen zu zahlen, doch fielen diese meist zu gering aus und waren ob des bürokratischen Aufwandes für die Betroffenen schwer zu erlangen. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts entfiel Nahrungsnot als Beweggrund für das Wildern weitestgehend, da sich die Versorgungslage aufgrund von Fortschritten in der Landwirtschaft wesentlich verbesserte. Dass trotzdem noch gewildert wurde, lag zum einen im finanziellen Anreiz beim Verkauf des erlegten Wildbrets begründet. Zum anderen war die Wilderei teilweise aber auch auf die Abenteuerlust junger Männer und deren Streben nach Prestigegewinn in der Dorfgemeinschaft zurückzuführen. In jenem Kontext wurde das Wildern von manchen Beteiligten als eine Art der Auflehnung gegen die reichen Jagdherren interpretiert, was die Grundlage zur Entstehung des Mythos vom aufrechten Wilderer bildete. Dieser soziale Aspekt der Wilderei tritt besonders angesichts des Umstandes hervor, dass die Landbevölkerung und vor allem die Betroffenen selbst sorgsam zwischen zwei Gruppen von illegal Jagenden unterschieden. Auf der einen Seite war da der „Wildschütz“, welcher seiner Tätigkeit auf weidgerechte Weise nachging und daher ein gewisses Ansehen genoss. Am anderen Ende des Spektrums befand sich der sogenannte „Raubschütz“, welcher Schonzeiten ignorierte und ausschließlich auf den eigenen Vorteil bedacht war. In der tatsächlichen Jagdpraxis dürfte diese Grenzziehung jedoch weitaus weniger eindeutig verlaufen sein. Eine spezielle und als noch unehrenhafter bewertete Art des Wilderns bestand im Aufstellen von Schlingen und anderen Fallen. Diese Vorgehensweise hatte den Vorteil, keine potenziell den Standort verratenden Schüsse abgeben zu müssen und günstige Gelegenheiten zum Abtransport der oftmals unter grausamen Schmerzen verendeten Stücke abwarten zu können.

Gleichgültig, ob mit Büchse oder Schlinge, wenn es um das Verbergen ihrer illegalen Tätigkeit ging, zeichneten sich Wilderer zu allen Zeiten durch ein hohes Maß an Einfallsreichtum aus. Das vor allem aus dem Alpenraum überlieferte Schwärzen des Gesichts mit Ruß oder das Tragen von langen Hauben mit Augenlöchern zählten noch zu den weniger kreativen Methoden. Richtig gewitzte Wilddiebe legten falsche Fährten, etwa indem sie neben ihren versteckten Jagdwaffen fremdes Gewand platzierten oder Sohlen mit verkehrtem Profil an ihrem Schuhwerk befestigten. Manche griffen auf einen geradezu theaterwürdigen Requisitenfundus zurück, welcher falsche Bärte oder sogar Frauenkleider umfassen konnte. Besonderes handwerkliches Können spiegelte sich in einer breiten Variation an bequem in ihre Einzelteile zerlegbaren und somit gut verdeckt zu tragenden Büchsen wider, welche sich im Bedarfsfall auch wieder schnell zusammensetzen ließen. Mitunter wurden diese improvisierten Waffen in nicht weniger geschickt präparierten Wanderstöcken, Rucksäcken, Schlitten und anderen unverdächtigen Alltagsgegenständen transportiert.

Entgegen dem heutigen Klischee waren mancherorts auch Angehörige der urbanen Unterschicht als Wilderer unterwegs. Für Tagelöhner und Arbeitslose stellte der Wilddiebstahl eine meist bitter benötigte Einkommensquelle dar. Hierbei konnten sie wie ihre ländlichen Kollegen auf die Kooperation von listigen Gastwirten vertrauen, welche dafür sorgten, dass das Wildbret, über einen kleinen Umweg, wieder auf den Tellern der Wohlhabenden landete – für den richtigen Preis versteht sich. Das einträgliche Geschäft führte mancherorts sogar zur Entstehung organisierter Wildererbanden, wobei sich diese mitunter ebenso als Straßenräuber oder Einbrecher betätigten. Angesichts der relativ niedrigen Gehälter wundert es nicht, dass auch mancher Berufsjäger an diesem System mitwirkte und das eine oder andere Stück unter der Hand erlegte. Das Verhältnis zwischen offiziellen Jägern und ihren illegalen Konkurrenten blieb jedoch ein überaus gespanntes, was vielfach zu Gewalttaten auf beiden Seiten führte. Die preußische Staatsverwaltung registrierte zum Beispiel zwischen 1837 und 1910 eine Bilanz von 97 getöteten, 230 schwer und 261 leicht verwundeten Forstbediensteten. Dem gegenüber steht eine Anzahl von 170 toten, 252 schwer verletzten und 549 leicht verwundeten Wilddieben und Holzfrevlern. Die heutzutage wohl berühmteste wildereibezogene Gewalttat ereignete sich 1877 in den Schlierseer Bergen in Bayern. Dort fand bekanntermaßen eine unheilvolle Begegnung zwischen dem berüchtigten Wilderer Georg Jennerwein und dem Jagdgehilfen Johann Josef Pföderl statt, welche schließlich zum gewaltsamen Tod Jennerweins führte. Es folgte zwar eine Gerichtsverhandlung gegen Pföderl, an deren Ende der Angeklagte wegen Körperverletzung zu einer achtmonatigen Haftstrafe verurteilt wurde, doch die genauen Umstände der Tat wurden nie wirklich geklärt. Nach dem Ableben Jennerweins setzte rasch eine volkstümliche Legendenbildung ein, bei der Fakt und Erfindung zu einer tragischen Heldengeschichte verschmolzen. Die Anziehungskraft jener in zahlreichen Versionen überlieferten Legende scheint auch nach Generationen ungebrochen zu sein, wie zahlreiche Romane, Theaterstücke und Filme beweisen. Manche freilich scheinen beim Andenken an Jennerwein mehr oder weniger über das Ziel hinauszuschießen, wie eine anlässlich seines 99. Todestages an das Grabkreuz des Wildschützen gehängte und zuvor anscheinend gewilderte Gämse zeigte.

 

Wie zu sehen war, ist die Geschichte der Jagd seit dem Mittelalter auch ein Stück weit die Geschichte der Wilderei. Die historische Realität hatte dabei oft herzlich wenig mit kerniger Romantik und idealisierter Naturverbundenheit zu tun. Über weite Strecken ging es bei Wilddiebstahl um handfeste kommerzielle Gründe, wobei jedoch nicht vergessen werden darf, dass der Kampf ums Wild häufig vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Spannungen ausgetragen wurde. So spannend die Geschichten von damals dem heutigen Zuhörer auch erscheinen mögen, so ernst und bitter waren doch vielfach die Umstände für die Beteiligten. Nichtsdestoweniger kann man natürlich auch heute noch in geselliger Runde an den Erzählungen und Liedern von tapferen Wildschützen und eifersüchtigen Jägern seine Freude haben, doch kann es wie bei so vielem nicht schaden, dem Ganzen manchmal mit einer gewissen ironischen Distanz zu begegnen.

Man möge meinen, dass Wilderei heutzutage kein Thema mehr sein dürfte. Die Strafen sind hoch, die Not nicht gegeben. Dennoch wird gewildert. Wir haben uns angesehen, warum das Risiko eingegangen wird. Bei der modernen Wilderei geht es bei uns im Alpenraum schon lange nicht mehr um Not oder Hunger. Auch wenn das erbeutete Wildbret verarbeitet und verkauft wird, stehen nicht kommerzielle Gründe im Vordergrund. Die Jagern-Redaktion hat einen Wilderer anonym getroffen, erschreckend sind die Erkenntnisse aus diesem Gespräch. Dem jungen Mann geht es um den Nervenkitzel, aber auch um andere Motive. Das Revier, in dem er wildert, ist seine Heimat, die Jagdpacht für Einheimische nicht leistbar. Ein weiteres Motiv: Er möchte den „Schönwetterjägern“ eins auswischen. Eine Mischung aus Feindseligkeit und Ärger schüren diesen Sozialneid. Er behauptet zwar, weidgerecht zu jagen, aber dazu gehört mehr, als einen sauberen Schuss anzutragen. Eine Dokumentation und damit eine Kontrolle der Wildpopulation sind nicht möglich. Genauso erfolgt natürlich keine ordentliche Nachsuche auf wundgeschossene Stücke.

„Die Wilderer heute schießen mit schallgedämpften Kleinkalibergewehren oder nicht zugelassenen Erbstücken. Und natürlich muss es schnell gehen. Wenn sie nicht richtig treffen, haben die Hobbywilderer keine Zeit, dem Wild nachzustellen. Das Tier schleppt sich weidwund weiter, stirbt einen qualvollen Tod.“

Ludwig Waldinger, Landeskriminalamt München

Durch die neuen technischen Errungenschaften, insbesondere Nachtsichttechnik und Schalldämpfer, hat die Wilderei noch einmal einen Aufschwung erlebt. Gerade in Gebieten, in denen die Nachtsichttechnik den Jägern nicht erlaubt ist, verschaffen die Wilderer sich mit deren Nutzung entscheidende Vorteile. Was kann man also gegen die Wilderei im eigenen Revier tun? Ein guter Kontakt zu den Einheimischen und häufige Anwesenheit im Revier helfen sicherlich. Zudem kann man Wilderern mit dem Aufhängen von Kameras an verdächtigen Stellen auf die Spur zu kommen.

Das wichtigste wäre allerdings ein gesellschaftliches Umdenken. Immer noch im Glauben, dass sie etwas „zurückholen“, das eigentlich „den Armen“ zusteht, haben Wilderer einen Kultstatus, der ihnen nicht gebührt. Ein Klima des Schweigens gegenüber Wilderei darf es nicht geben und schon gar keine gesellschaftliche Akzeptanz. Wilderei ist kein Bestandteil des Brauchtums, sondern Diebstahl aus niederträchtigen Motiven.

 

Wilderei zu Kriegszeiten

Die Wilderei war besonders zu Kriegszeiten ein Beitrag zur Ernährung der Landbevölkerung. Wir wollten wissen, ob es sich bei dem aktuellen Krieg in der Ukraine ähnlich verhält, und haben mit Jägern vor Ort gesprochen.

In der Ukraine war die Wilderei vor dem Krieg ein großes Problem. In manchen Regionen sind die Wildbestände durch die Wilderei komplett zusammengebrochen. Das Hauptmotiv auch hier: der Sozialneid. Eine Eskalation der Situation konnten wir vor allem bei der Verfügbarkeit von Nachtsichttechnik beobachten. Hierbei ging es nicht um das Wildbret, die Trophäe oder das besondere Jagderlebnis, sondern darum, „den Reichen“ zu schaden und den ungehemmten Jagdtrieb zu befriedigen. Wir haben zu Beginn des Krieges aufgrund der fehlenden Kontrolle und der chaotischen Zustände mit einer Ausweitung der Wilderei gerechnet. Allerdings kam es anders. Die Menschen brauchen ihre Jagdwaffen – die Jäger wie die Wilderer – nun zur Verteidigung. Viele Jäger mussten ihre Ausrüstung verkaufen, da sie das Geld für andere Dinge benötigen. Besonders die Nachtsichttechnik wird bei den territorialen Verteidigungsgruppen eingesetzt. . Nach Jagd steht momentan niemandem der Sinn, auch denJägern nicht. Die Wilderei ist derzeit komplett eingeschlafen, die Jagd seit dem Beginn des Krieges verboten. Das Resultat ist mancherorts beeindruckend. Durch den fehlenden Jagddruck und die Ruhe ist das Wild sehr vertraut, die Jägerschaft vor Ort erhofft sich eine Erholung der Wildbestände.

Oleg aus Charkiv, Ukraine

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