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„Sich ständig zu sorgen und zu überanstrengen, ist eine nahezu unheilbare Krankheit. Wir machen uns eine übertriebene Vorstellung von der Wichtigkeit der Arbeit, die wir verrichten, und wie viel bleibt dabei ungetan!“

Diese Worte stammen aus der Feder des amerikanischen Autors Henry David Thoreau und sind in seinem Buch „Walden“ aus dem Jahr 1854 zu finden. Thoreau reflektiert in diesem Werk – das den Untertitel „Leben in den Wäldern“ trägt – seinen Rückzug in eine entlegene Blockhütte am namensgebenden Walden-See im Bundesstaat Massachusetts. Es ist mehr eine Montage seiner Tagebucheinträge, die er in dieser Zeit verfasste, denn ein klassischer Roman. Eine rote Linie, die sich durch „Walden“ zieht, sind Thoreaus Überlegungen zum Verhältnis von moderner Zivilisation und der Abgeschiedenheit der Wildnis, von der in der jungen USA zu diesem Zeitpunkt noch reichlich vorhanden war. Das Werk besitzt auch heute noch eine faszinierende Strahlkraft und war Generationen von Schriftstellern nach Thoreau eine Inspiration. Hermann Hesse schrieb etwa über „Walden“: „Die amerikanische Literatur, so kühn und großartig sie ist, hat kein schöneres und tieferes Buch aufzuweisen.“

In dem eingangs zu lesenden Zitat tritt das Spannungsfeld zwischen Zivilisation und Natur besonders schön hervor. Denn die gerade im Entstehen begriffene industrielle Massengesellschaft brachte in den Augen Thoreaus nicht die versprochenen Erleichterungen mit sich, sondern genau das Gegenteil: sie bürdete dem Menschen neuen Mühen auf, sorgte für Entfremdung und Ablenkung. „Ich wollte tief leben, alles Mark des Lebens aussaugen, so hart und spartanisch leben, dass alles, was nicht Leben war, in die Flucht geschlagen wurde.“ So begründete Thoreau seine zeitweilige Weltflucht.

Vielen mögen diese Gedanken und Überlegungen Thoreaus beim Lesen bekannt vorkommen. Oft gibt es Momente, in denen man den stressigen Alltag einfach hinter sich lassen, das fordernde Berufsleben in den Stand-By-Modus versetzen will. Kurzum: Dem Hier und Jetzt entfliehen – zumindest für eine gewisse Zeit. Abgelegene Ort wie etwa das Gebirge, einsame Inseln oder unberührte Wälder erscheinen uns dabei als Sehnsuchtsorte, die uns dabei helfen sollen, Abstand und innere Ruhe zu gewinnen. Je markanter und schroffer der Unterschied zur gewohnten Umgebung, desto besser lautet die Devise. Von dieser Warte aus scheint die simple Hütte im Wald viel attraktiver als die komfortable Wohnung in Innenstadtnähe.

Längst sind Verlage, Schreibende und findige Unternehmer auf diese Verwerfungen, die eine moderne Gesellschaft mit sich bringt, aufmerksam geworden und versuchen Abhilfe zu schaffen. Nahezu endlos scheinen die Bücher, Magazine, Filme oder auch Blogs, die sich dieser Thematik annehmen. „Back to the roots“ lautet das Motto, das in Form von Kochbüchern, Ratgebern oder Reportagen der Konsumgesellschaft feilgeboten wird. Versprochen wird den Lesenden dabei nicht weniger als ein „ursprüngliches“ Leben im Einklang mit der Natur, ein Leben in erfüllender „Einfachheit“.

Aber kann das so einfach gehen?
So schier unendlich die Zahl dieser Veröffentlichungen ist, in einem Punkt gleichen sich die meisten doch: Zivilisation und Natur werden dabei als Gegenpole begriffen, die sich unvereinbar gegenüberstehen. Entscheide ich mich für das eine, muss ich dem anderen entsagen und vice versa. Man läuft dabei aber Gefahr, in ein zu einfaches Betrachtungsschema zu verfallen, in der die Welt nur mehr in Schwarz oder Weiß existiert. Verdächtig erscheint es dann, wenn man sich dabei ertappt, die Annehmlichkeiten einer modernen Welt – die es ja zweifelsfrei gibt – zu genießen.

Vielmehr gilt es zu sehen, dass die Natur als Ort der Ruhe nicht denkbar ist, wenn es nicht die hektische Stadt als ihr Gegenstück gibt. Erst dadurch wird Ruhe und Abgeschiedenheit erstrebenswert. Das gilt aber auch umgekehrt! Man sieht also, dass eine strikte Trennung dieser Bereiche die Misere eher verstärkt, denn lindert. Vielmehr gehen sie fließend ineinander über – sie bedingen sich gegenseitig.

Der oben zitierte Autor Henry David Thoreau ist ein gutes Beispiel dafür, dass ein striktes „entweder – oder“ mitnichten die beste Betrachtungsweise ist. Es war die Einsamkeit der Blockhütte, die Ruhe und die Spaziergänge im Wald auf der einen Seite, die „Walden“ zu so einem großartigen Werk machten. Auf der anderen Seite wäre dies aber nicht möglich gewesen, wenn Thoreau nicht nach zwei Jahren wieder „zurückgekehrt“ wäre in die Zivilisation. Erst der Kontrast, der Austausch mit anderen Menschen und die Kulturtechnik des Schreibens ließen ihn sehen, was das spartanische Leben fernab von allen Annehmlichkeiten auszeichnete.

Thoreau ist hier nicht allein. Zwei der ganz großen Philosophen des 20. Jahrhunderts praktizierten eine ähnliche Arbeitsweise. So zogen sich Martin Heidegger und Ludwig Wittgenstein regelmäßig in entlegene Hütten zurück, um dort konzentriert zu arbeiten. Martin Heidegger etwa verfasste einen großen Teil seines Hauptwerks „Sein und Zeit“ (1927) in einer schlichten Holzhütte im Schwarzwald nahe des Ortes Todtnauberg. Wittgenstein wählte für sich das Ende des Sognefjords in Norwegen als persönliches Refugium. Es wird berichtet, dass er sein 7 x 8 Meter großes Holzhäuschen nur einmal pro Woche verließ, um einzukaufen. Den Rest der Zeit verbrachte er mit seinen Studien und durchstreifte die unberührte Natur Skandinaviens. Man muss dabei aber der Vorstellung, dass erst eine „naive Weltflucht“ geniale Gedanken ermöglicht, kritisch gegenüberstehen. Man muss auch die andere Hälfte des Bildes sehen. Allein zusammen mit Institutionen der „modernen“ Welt wie Universitäten, Diskussionen mit Kollegen oder der Zugang zu Bibliotheken und Wissen, die den Phasen der Ruhe vorausgingen, kann eine solche „archaische“ Lebensweise Früchte tragen.

Das Leben dieser Philosophen mag uns aus vielerlei Gründen fernliegen. Dennoch können auch wir etwas daraus lernen. Möglicherweise hat sogar schon der eine oder andere – bewusst oder unbewusst – eine ähnliche Erfahrung gemacht. Momente der wohltuenden Einsamkeit, in denen man am eigenen Leib erfahren hat, wie positiv sich eine Zeit in Abgeschiedenheit und Ruhe, vielleicht eine mehrtägige Wanderung oder ein langer Tag im Revier, auf den Alltag auswirken kann. Sei es, dass man wieder an Gelassenheit gewonnen hat oder Dinge, die einem Kopfzerbrechen bereitet haben, plötzlich aus einem anderen Blickwinkel sehen kann. Aber auch auf den Umgang miteinander, in der Familie, im Freundeskreis oder in der Arbeit kann so eine „Weltflucht“ oder besser gesagt, was man bei dieser erlebt hat, Auswirkungen haben. Das alles sind aber Erkenntnisse, die man gewinnt, wenn man den Weg „zurück“ antritt. Erst durch den Abgleich mit dem Gewohnten, gewinnen diese Bilder an Farbe.

Man denke zum Beispiel an eine Jagdhütte, ganz gleich ob in den Bergen oder im Wald. Wenn man diese am Ende eines anstrengenden Tages, den man mit Wandern, Arbeiten im Revier oder Jagen verbracht hat, erreicht, ist das immer wieder ein besonderer Moment. Wo im Alltag oft kleine Differenzen zwischen Menschen für Reibung sorgen oder sogar zu Konflikten führen können, scheint es, als ob dort alle Gräben zugeschüttet seien. Man begegnet sich dort wertschätzend und offener, weil man von den Strapazen Bescheid weiß, die man durchmachen musste, um dorthin zu gelangen. Gemeinsam genießt man dann den Ausblick, den Sonnenauf- oder -untergang oder ein gemeinsames Getränk und erzählt sich, was man bei den Streifzügen durch das Revier gesehen und erlebt hat. Man selbst befreit sich vom gedanklichen Ballast; die eigene Wahrnehmung gewinnt an Fokus.

Von außen mag dieses Bild einer „Hüttengemeinschaft auf Zeit“ fast kitschig und surreal wirken. Ein Ideal, das mit dem oftmals grauen Alltag unvereinbar scheint. Genau darin liegt aber der Schatz einer temporären „Weltflucht“. Es geht nicht darum, diese beiden Welten einander anzugleichen. Ein solches erzwungenes Unterfangen ist zum Scheitern verurteilt. Vielmehr sollte es darum gehen, angenehme und positive Erfahrungen und Momente von der einen in die andere Sphäre „mitzunehmen“ und aus ihnen zu lernen. Zu versuchen die persönlichen Erkenntnisse in den Alltag zu integrieren, sollte die Idee sein, nicht sie gegeneinander auszuspielen. Das geht aber nur, wenn man die Zeit in der Natur, die Stunden in einer Hütte vor dem Kamin als Ergänzung des täglichen Lebens sieht und nicht als deren Antithese. Konkret kann sich das äußern, wenn man bei fordernden Situationen im Alltag versucht, einen Schritt zurückzutreten, um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, Aufgaben Schritt für Schritt erledigt und seine ganze Konzentration auf den Gegenstand richtet, im Umgang mit seinen Nächsten auch einmal die metaphorischen Gräben überwinden und elegante Schlichtheit praktizieren – so wie in einer Jagdhütte eben.

Text: David Mehlhart
Fotos: Doris Wild