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Gut gemeint, ist nicht gleich gut gemacht – die Gültigkeit dieser Binsenweisheit musste wohl schon jeder von uns auf die eine oder andere Weise am eigenen Leib erfahren. Verkompliziert wird die Angelegenheit noch zusätzlich durch den Umstand, dass die Auswirkungen unseres Handelns nicht immer gleich klar ersichtlich zu Tage treten. In Bezug auf das Weidwerk manifestiert sich jenes Grundproblem des menschlichen Daseins wohl am deutlichsten in der Kontroverse um die Vor- und Nachteile einer winterlichen Fütterung von Wildtieren. Was dem einen ein unerlässliches Werkzeug zur Vermeidung von Wildschäden und Tierleid ist, stellt für den anderen gerade die oftmalige Wurzel solcher Übel dar. In der nicht selten sehr emotional geführten Diskussion sieht so mancher den (Schutz-)Wald vor lauter Bäumen nicht mehr, weshalb in diesem Artikel die wichtigsten Argumente beider Seiten resümiert werden sollen.
Einem jeden recht getan …

Ein Grund für die Intensität des Streits rund um die winterliche Ernährungshilfe liegt in der Verzahnung des Themas mit mehreren sozial und wirtschaftlich bedeutsamen Bereichen. Die Frage nach Artgerechtigkeit und ökologischer Verträglichkeit einer Winterfütterung ruft Tier- und Naturschützer auf den Plan, während sich die Forstwirtschaft Gedanken über den Einfluss auf die Verbissraten macht. Sollte sich das Rotwild an den Stämmen eines Schutzwaldes zu schaffen machen, kommen sogar Belange der öffentlichen Sicherheit ins Spiel. Jenseits nüchterner ökologischer und ökonomischer Interessen weist die Causa Fütterung auch weitreichendes emotionales Potenzial auf. Berichte über in winterlichen Notlagen verendetes Wild rufen nicht von ungefähr regelmäßig gefühlsgeladene Reaktionen aus ansonsten unbeteiligten Kreisen hervor, wobei die Schuldfrage gegenüber dem als für die Tiere alleinverantwortlich erlebten Jäger schnell im Raum steht. Andererseits wird auch nicht selten der Vorwurf der Bevorzugung und Überhege gewisser, wegen ihrer Trophäen begehrter Tierarten erhoben. Aus diesen Gründen spielt der richtige Umgang mit der Fütterungsthematik nicht zuletzt für das Ansehen des Weidwerks in der Öffentlichkeit eine bedeutende Rolle. Die dabei verfolgten offiziellen Ansätze unterscheiden sich vielfach von Region zu Region, wobei mancherorts zu recht radikal anmutenden Methoden gegriffen wird, wie ein Beispiel aus der Schweiz zeigt. Im Kanton Graubünden nämlich wurde die Winterfütterung schon 1990 grundsätzlich eingestellt und seit 2016 ist das Füttern von Schalenwild dort sogar gesetzlich verboten. In ausgesprochenen Notlagen erlaubt die Kantonsregierung jedoch Sondermaßnahmen zur Versorgung des Wildes mit zum Lebensraum passender Äsung, welche man ansonsten generell durch Biotopaufwertung zu verbessern trachtet. Zusätzlich wird auf die Einhaltung von störungsfreien Wildruhezonen und Wegegeboten geachtet, welche über den ganzen Kanton verteilt behördlich festgelegt wurden. Laut der Initiative „Stop-Wildtierfütterung“ komme es seit dieser Umstellung zu weniger Fallwild und Wildschäden.

Stoffwechsel-Wechsel

Wie gerade erwähnt, wirken in der Fütterungsdiskussion zahlreiche Akteure mit. Ob dieser Brei vieler Köche dem Wild wohl bekommt, hängt jedoch von den speziellen Gegebenheiten seines Stoffwechsels und seiner Verdauung ab, weshalb dieser Punkt hier anhand des Beispiels Rotwild als Erstes unter die Lupe genommen wird. Der Winter stellt bekanntlich mit seinem stark eingeschränkten Äsungsangebot und der harschen Witterung eine existenzielle Herausforderung für Hirsche, Tiere und Kälber dar, auf die sich der Körper des Rotwildes jedes Jahr wieder einstellen muss. Das dichte Haarkleid der Winterdecke bietet einen derart effektiven Schutz gegen die Kälte, dass der auf den Rücken eines Stücks gefallene Schnee nicht schmilzt, was es ihm ermöglicht, sich im Notfall einfach einschneien zu lassen. Passend dazu senkt das Rotwild im Winter seinen Stoffwechsel herab und bewegt sich weniger, was den Kalorienverbrauch weiter reduziert und das Hochwild somit besser mit seiner kargen Kost aus geschälter Rinde und Trieben auskommen lässt. Kritiker der Winterfütterung führen ins Feld, dass eine Futterzugabe durch den Menschen die saisonale Anpassung des Wildstoffwechsels verhindere und diesen künstlich auf dem Niveau der nahrungsreichen Jahreszeiten halte. Als Resultat des erhöhten Kalorienverbrauchs würden Fütterungen so letztendlich das Verhungern der betreffenden Tiere befördern. Befürworter des Fütterns verweisen hingegen darauf, dass nicht die aufgenommene Kalorienmenge, sondern der jahreszeitlich bedingte Rückgang an Sonnenlicht die Umstellung des Stoffwechsels bewirke. Studien des Mitteleuropäischen Instituts für Wildtierökologie bestätigen dieses Argument, da die untersuchten Rudel unabhängig von Quantität und Qualität der zu Verfügung stehenden Äsung gleichbleibend im Winter weniger und im Frühjahr wieder mehr fraßen, wobei auch kein Unterschied hinsichtlich der Verdaubarkeit festgestellt werden konnte.
Störfaktor Fütterungsfehler

Als Wiederkäuer ist Schalenwild bei seiner Verdauung auf eine Vielzahl von Mikroorganismen in seinem Pansen sowie Netzmagen angewiesen. Diese Einzeller und Bakterien, von denen sich abhängig von der Nahrungszusammensetzung zwischen fünf und 20 Milliarden Stück pro Gramm Inhalt im Pansen finden, zersetzen die ansonsten schwer verdaulichen Äsungsbestandteile wie etwa Zellulose in leicht verwertbares Material. Das lebenswichtige Zusammenspiel der Mikroben kann durch die Vorlage des falschen Futters massiv gestört werden, was dem Schalenwild schwere gesundheitliche Nachteile bringt, da es lediglich zehn bis 20 Prozent seiner Nahrung ohne die kleinen Helfer verdaut. Wird etwa ein Übermaß an Kraftfutter wie Mais oder Soja aufgenommen, kann es zu einer Übersäuerung des Pansens kommen, welche in gravierenden Fällen tödlich verläuft. Ein Mangel an Rohfasern führt ebenso zu Verdauungsproblemen und zu verstärktem Schälen. Mangelnde Hygiene bei Lagerung und Vorlage des Futters hingegen befördert eine Bandbreite an Krankheiten, welche von der simplen Lebensmittelvergiftung bis hin zur Tuberkulose reicht. Selbst wenn die Äsung optimal auf die saisonbedingten Bedürfnisse der lokalen Bestände abgestimmt ist, sind negative Effekte möglich, wenn die Fütterung unregelmäßig oder in nicht ausreichender Menge bestückt wird, woraus sich neben den finanziellen Anforderungen auch ein beträchtlicher zeitlicher Aufwand ergibt. Die hohe Fehleranfälligkeit in der Praxis kann somit als wesentliches Manko des Fütterungswesens angeführt werden.

Fressattacke auf den Forst – Wildschäden

Grundsätzlich wäre das Wild in der Lage, ohne menschliches Zutun durch den Winter zu kommen – so weit, so bekannt. In dieser Beziehung verweisen Fütterungsskeptiker auf den störenden Charakter solcher Eingriffe in die natürlichen Abläufe. Doch steckt der Teufel wieder einmal im Detail, denn durch die Präsenz des Menschen mit seinen Siedlungen und Straßen in der Landschaft ist den Rudeln oftmals der Weg in ihre ursprünglichen Überwinterungsgebiete versperrt. Im Wald selbst sind Hirsch und Co. ebenso nicht überall wohlgelitten, da Schäl- und Verbissschäden drohen. So vertilgt ein einziges Stück Rotwild an einem Tag mehr als ein Kilogramm an Rinde und Trieben, wenn es lediglich seinen halben Tagesbedarf an Winteräsung auf diese Weise deckt. Wenn man das Gewicht eines solchen Triebes mit zwei bis fünf Gramm veranschlagt, macht das eine Menge von 200 bis 500 Stück pro Tag. Eine richtig platzierte und gut betreute Fütterung kann hier Abhilfe schaffen, wobei eine fehlerhafte Herangehensweise oder häufige Störungen das gerade Gegenteil bewirken können. Mancherorts existiert die Auffassung, dass Fütterungen per se für verstärkte Schäden am Forst sorgen, da sie eine künstliche Konzentration des Wildes auf wenige Standorte in der Landschaft hervorrufen würden. An anderer Stelle wird in diesem Zusammenhang die Notwendigkeit eines gewissen Verbissvolumens für die natürlichen Durchmischungs- und Regenerationsprozesse des Waldes betont. Gleichgültig, welches forstwirtschaftliche Konzept nun immer verfolgt werden mag, fest steht, dass nicht allein Zusammensetzung und Qualität des eingesetzten Äsungsmaterials ausschlaggebend für den Erfolg bzw. Misserfolg einer Futterstelle sind. Die Art und Weise der Vorlage spielt nämlich ebenso eine entscheidende Rolle. Sollten etwa wegen Platzmangels nicht alle Stücke eines Rudels gleichzeitig äsen können, werden schwächere Exemplare von Trog oder Raufe verdrängt und müssen sich gedulden, bis die kräftigeren Artgenossen satt sind. In solchen Fällen wird das vom Blutzuckerspiegel bestimmte Hungergefühl noch durch den optischen Reiz der bereits Nahrung aufnehmenden Stücke verstärkt. Die auf diese Weise vor reich gedecktem Tisch Darbenden suchen nach alternativen Futterquellen und vergreifen sich in der Folge verstärkt an der lokalen Vegetation. Sollte anwechselndes Wild die Futterstellen überhaupt von vornherein leer vorfinden, kann der sogenannte „Warteraumeffekt“ das ganze Rudel betreffen. Eine eingeschränkte Erreichbarkeit der Fütterung – ob durch fortgesetzte Störungen des besonders sensiblen Bereichs rundherum oder extremen Schneefall sowie Lawinengefahr hervorgerufen – sorgt ebenso für einen massiven Anstieg von Verbiss- und Fallwildzahlen.

Fazit

Wie die angeführten Punkte zeigen, handelt es sich bei der Winterfütterung wahrlich um ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite kann sie helfen, die Fallwildzahlen und den Verbissdruck zu vermindern, was gleichermaßen Tierleid und forstwirtschaftliche Einbußen in Grenzen hält. Auf der anderen Seite wird aus der vermeintlichen Wohltat schnell ein Bärendienst mit verheerenden Folgen für das Wild, wenn ihm etwa unausgewogenes Futter vorgelegt oder zu wenig Ruhe gelassen wird. Ob der Eingriff in die Ernährung von Hirsch und Konsorten letztlich zum Schnitt ins eigene weidmännische Fleisch wird oder nicht, hängt davon ab, wie die betreffenden Jäger diese Klinge führen. Entscheidend hierbei sind profundes wildbiologisches Wissen und ausdauernde Einsatzbereitschaft. Das Graubündner Beispiel zeigt, wie es ohne Fütterungen gehen kann, wobei auch dort nichts ohne weitreichendes Engagement geht. Ein erfolgssicheres und endgültiges Patentrezept scheint es jedenfalls nicht zu geben, weshalb uns in Zukunft heiße Debatten wohl nicht erspart bleiben werden. Somit kann der antike Philosoph Heraklit auch hier angepasst an das Thema zitiert werden: Der Streit ist Vater aller Dinge.