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Weidgerechtigkeit beginnt am Schießstand

Wer zur Jagd geht, übernimmt Verantwortung. Für seine Waffe, für sein Umfeld und vor allem für das Wild, auf das er sie richtet. Diese Verantwortung zeigt sich nicht erst in dem Augenblick, in dem der Finger am Abzug liegt. Sie beginnt viel früher, und für mich führt ein wesentlicher Teil davon auf den Schießstand. Ich kenne den Schießstand seit meiner Kindheit. Mein Vater nahm mich mit, und natürlich erschienen mir damals die Anlage, die Schützen und die ganze Atmosphäre beeindruckend. Mit den Jahren habe ich verstanden, was mich dort eigentlich geprägt hat. Schießen verlangt Konzentration, Disziplin, Sicherheit und Verantwortungsbewusstsein. Genau diese Werte haben auch die lange Geschichte des Privilegierten Landeshauptschießstandes Salzburg geprägt, der auf eine 600-jährige Tradition zurückblicken kann. Heute bin ich selbst Oberschützenmeister dieses Hauses. Gleichzeitig bin ich Jäger. Für mich gehören deshalb sportliches und jagdliches Schießen seit jeher zusammen.

Schießen ist eine Fertigkeit, die gepflegt werden muss

Eine moderne Jagdbüchse kann technisch noch so präzise sein. Ein hochwertiges Zielfernrohr kann eine hervorragende optische Leistung bieten und ein Entfernungsmesser auf den Meter genau anzeigen, wie weit das Stück entfernt steht. Am Ende entscheidet trotzdem der Mensch hinter der Waffe über den Schuss. Dazu gehört weit mehr, als die Büchse einmal im Jahr auf dem Schießstand zu kontrollieren. Anschlag, Atmung, Abziehen und Nachhalten müssen immer wieder trainiert werden. Ebenso wichtig ist der sichere und selbstverständliche Umgang mit der Waffe. Das Sportschießen bietet dafür hervorragende Voraussetzungen. Du Man wiederholst Bewegungsabläufe, erkennst Fehler und lernst, unter welchen Bedingungen du man zuverlässig triffst. Vor allem bekommst du man eine ehrliche Rückmeldung über sdeine tatsächliche Leistung. Eine Scheibe interessiert sich schließlich nicht dafür, wie lange jemand schon jagt oder wie teuer seine Ausrüstung war. Der Treffer befindet sich dort, wo er sich befindet. Diese Ehrlichkeit ist für einen Jäger ausgesprochen wertvoll. 


Auf der Scheibe dürfen Fehler passieren 

Der Schießstand ist ein Trainingsplatz,, und deshalb dürfen dort Fehler passieren. Ein Schuss sitzt zu tief, der nächste geht nach rechts, beim dritten merkt man vielleicht, dass der Anschlag nicht sauber war. Genau dafür trainieren wir. Beim Schuss auf Wild sieht die Situation grundlegend anders aus. Hier kann ein Fehler Leiden verursachen und eine schwierige Nachsuche notwendig machen. Unser Anspruch muss deshalb sein, vermeidbare Fehler bereits vorher zu erkennen und unsere Schießfertigkeit so weit wie möglich zu verbessern. Regelmäßiges Training ist für mich deshalb ein unmittelbarer Bestandteil der Weaidgerechtigkeit. Wer gut schießen möchte, sollte dabei nicht ausschließlich aufgelegt von der bequemen Schießbank trainieren. Im Revier steht bekanntlich selten im richtigen Augenblick ein stabiler Tisch bereit. Unterschiedliche jagdliche Anschläge gehören deshalb ebenso zum Training wie der Umgang mit Zielstock, Bergstock oder einer natürlichen Auflage. Dabei geht es nicht darum, möglichst schwierige Schüsse zu erlernen. Viel wichtiger ist die Erkenntnis, unter welchen Bedingungen du man einen sicheren Schuss abgeben kannst. 


Die eigenen Grenzen kennen 

Für mich liegt darin eine der wertvollsten Lektionen des Sportschießens. Regelmäßiges Training zeigt nicht nur, was du man kannst, sondern ebenso deutlich, was du man nicht zuverlässig kannst. Die Unterschiede können beträchtlich sein. Aufgelegt funktioniert eine bestimmte Entfernung vielleicht ausgezeichnet. Freihändig sieht das Trefferbild plötzlich ganz anders aus. Nach körperlicher Anstrengung steigt der Puls, der Anschlag wird unruhiger und selbst eine vertraute Waffe fühlt sich anders an. Wer solche Situationen auf dem Schießstand erlebt hat, kann draußen im Revier realistischer entscheiden. Weaidgerechtigkeit bedeutet schließlich nicht, jede sich bietende Möglichkeit zum Schuss zu nutzen. Sie bedeutet auch, auf einen Schuss zu verzichten, wenn Entfernung, Auflage, Licht, Wind, Wildstellung oder die eigene Tagesform keine ausreichend sichere Schussabgabe erlauben. Ein verantwortungsvoller Jäger muss deshalb nicht nur seine Waffe kennen. Er muss auch sich selbst kennen.


Eine jahrhundertealte Schützenkultur

Sportschießen ist jedoch mehr als Training. Dahinter steht eine Kultur, die weit in unsere Geschichte zurückreicht. Der Privilegierte Landeshauptschießstand Salzburg besteht seit 600 Jahren. In dieser Zeit erlebte er die Epoche der Fürsterzbischöfe, die Monarchie und schließlich die Republik Österreich. Politische Systeme, gesellschaftliche Verhältnisse und technische Möglichkeiten haben sich verändert, die Institution hat sich weiterentwickelt und ihre Schützentradition bewahrt. Wie tief diese Geschichte reicht, zeigt unsere Schützenkette des Oberschützenmeisters. Sie besteht aus 23 historischen Medaillen. Die älteste stammt aus dem Jahr 1593 und trägt das Wappen des Fürsterzbischofs Wolf Dietrich von Raitenau. Die jüngste Medaille wurde 1915 geprägt. Auf der Kette finden sich Zeugnisse verschiedener Fürsterzbischöfe sowie der Kaiser JosephFranz I I. und Franz Joseph  I. Mich beeindruckt daran weniger das Alter des Metalls als vielmehr das, wofür diese Kette steht. Generationen vor uns haben das Schützenwesen getragen und weitergegeben. Damit verbunden waren Regeln, Gemeinschaft und Verantwortung. Die Werte, die unseren Schießstand über Jahrhunderte begleitet haben, sind Sicherheit, Verlässlichkeit, Kameradschaft, Respekt sowie die Freude am sportlichen und jagdlichen Schießen. Wer heute einen Schießstand betritt, setzt diese Geschichte auf seine Weise fort.

Sicherheit entsteht durch Übung

Regelmäßiges Schießen trainiert außerdem etwas, über das viel zu selten gesprochen wird:. Der sichere Umgang mit der Waffe wird durch wiederholte, korrekt ausgeführte Abläufe gefestigt. Wo zeigt die Mündung hin? Wann befindet sich der Finger außerhalb des Abzugsbügels? Wie wird eine Waffe geöffnet, entladen, kontrolliert und sicher abgestellt? Wie verhalte ich mich, wenn mehrere Schützen gleichzeitig am Stand sind? Auf einem ordentlich geführten Schießstand gelten klare Regeln. Sie gelten für den Anfänger genauso wie für jemanden, der seit Jahrzehnten schießt. Gerade darin sehe ich eine große Stärke unserer Schützenkultur. Sicherheit wird nicht als persönliche Ansicht behandelt, sondern als gemeinsame Verpflichtung. Das entspricht auch meinem Verständnis von Jagd. Ein Verantwortlicher unbewusster Umgang mit Waffen sollte so selbstverständlich werden, dass darüber im entscheidenden Augenblick nicht mehr nachgedacht werden muss.

Sportschützen und Jäger können voneinander lernen

Jagdliches Schießen und sportliches Schießen verfolgen nicht immer dasselbe Ziel. Ein Sportschütze arbeitet unter definierten Bedingungen auf eine Scheibe. Der Jäger muss draußen zusätzliche Faktoren beurteilen, darunter Wildart, Entfernung, Kugelfang, Gelände und die Situation des Stückes. Trotzdem können wir Jäger vom Sportschießen einiges lernen. Dazu gehören Konzentration, wiederholbare Bewegungsabläufe und die Bereitschaft, die eigene Leistung messbar zu machen. Wer auf dem Stand regelmäßig trainiert, beginnt meist auch genauer hinzusehen. Warum lag der Treffer dort? War der Anschlag schlecht? Habe ich verrissen? War meine Position instabil? Diese Fehleranalyse bringt uns weiter als die bequeme Erklärung, dass die Büchse heute offenbar einen schlechten Tag hatte.

Tradition muss lebendig bleiben

Nach 600 Jahren Schützengeschichte weiß man auch, dass Tradition nur dann Bestand hat, wenn sie weitergegeben wird. Für mich bedeutet Tradition deshalb nicht, möglichst genau so zu handeln wie unsere Vorfahren. Sie bedeutet, das Bewährte zu erhalten und gleichzeitig offen für sinnvolle Entwicklungen zu bleiben. Dieser Gedanke prägt auch unser Verständnis des Landeshauptschießstandes als Ort des Sports, der Begegnung und der Gemeinschaft. Das gilt für das Schützenwesen genauso wie für die Jagd. Unsere Waffen und Optiken sind moderner geworden. Die technischen Möglichkeiten haben sich enorm entwickelt. Unser Anspruch an einen sicheren und weaidgerechten Schuss darf deshalb nicht geringer, sondern muss entsprechend hoch sein. Dazu gehört für mich auch eine lebendige Schießkultur innerhalb der Jägerschaft. Wir sollten den Schießstand nicht nur aufsuchen, wenn eine Prüfung bevorsteht oder die Büchse eingeschossen werden muss. Regelmäßiges Training sollte zum jagdlichen Handwerk genauso selbstverständlich zum jagdlichen Handwerk gehören wie das Ansprechen von Wild, die Kenntnis des Reviers oder der sichere Umgang mit der Waffe. Die Kultur des Sportschießens bewahrt etwas, das für die Jagd von großer Bedeutung ist: . Sie verbindet handwerkliches Können mit Disziplin, Sicherheit, Kameradschaft und Verantwortung. Wer regelmäßig trainiert, verbessert nicht nur seine Trefferleistung. Er lernt seine Waffe besser kennen, erkennt eigene Fehler und kann seine persönlichen Grenzen realistischer einschätzen. Gerade diese Fähigkeit entscheidet im Revier darüber, ob ein Schuss verantwortet werden kann oder besser unterbleibt. Für mich beginnt Weaidgerechtigkeit deshalb lange vor dem Augenblick, in dem Wild vor die Büchse tritt. Sie beginnt mit der Bereitschaft, das eigene Können immer wieder zu überprüfen und zu verbessern. Der Schießstand ist dafür seit Jahrhunderten ein guter Ort. Schützen Heil und Weaidmannsheil! Euer Reini