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Wald tut wohl!

Das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden! Schon der alte Römer Horaz wusste, dass hierin die höchste (Lebens-)Kunst besteht. Was hochtrabend daherkommt, muss aber nicht immer schwierig sein – zumindest nicht beim Jagern. Als Weidleute leisten wir nämlich nicht nur einen erheblichen gesellschaftlichen Beitrag durch gelebten Naturschutz und liefern als Draufgabe noch mit dem Wildbret noch ein hochwertiges, regionales sowie nicht zuletzt schmackhaftes Lebensmittel. Wir tun uns selbst ganz nebenbei auch einen großen Gefallen, der über die direkte Jagdfreude weit hinausgeht. Die in Wald und Feld verbrachte Zeit fördert nämlich auch wesentlich unsere geistige wie körperliche Gesundheit. Mehr noch: Ein Ausflug ins Grüne kann sogar wahre (und wissenschaftlich bestätigte) Wunder wirken! Welche das genau sind, wie man sie für sich nutzen kann und was das Ganze auch noch mit Japan zu tun hat, schauen wir uns hier im Folgenden an.

Eine hölzerne Kulturgeschichte

Die enge Beziehung zwischen Wald und Wohlbefinden begegnet uns bereits in den ältesten und grundlegendsten Texten unserer Kultur. So darf es gleich am Anfang der Bibel nicht an Bäumen fehlen, als in der Genesis beschrieben wird, wie Gott den Garten Eden einrichtet. Für Adam und Eva ist es dann zwar aufgrund der Kostprobe von den verbotenen Früchten des Baumes der Erkenntnis bald vorbei mit dem unbeschwerten Dasein im Paradies, doch scheint dieser kleine Missgriff unser grundsätzlich positives Verhältnis zum Wald nicht sonderlich belastet zu haben. Immerhin gehörten schattenspendende, fruchtbehangene Bäume über Jahrtausende zum Standardrepertoire idyllischer Wunschvorstellungen, sei es im mythischen Arkadien der antiken Griechen oder den auf den Bildern barocker Meister. Gleichzeitig konnte die Vorstellung von tiefen, unwegsamen Wäldern als Tummelplatz für wilde Bären, böse Geister und skrupellose Vagabunden auch Furcht wecken. Nicht von ungefähr ließ Schiller seine berühmten Räuber im Böhmerwald ihr Unwesen treiben. Gerade das Merkmal der Abgeschiedenheit machte Forste jedoch auch wieder zu einem besonders attraktiven Refugium für Einsiedler und ruhesuchende Dichter. Besonders der deutsche Wald wurde so im 19.  Jahrhundert zum zentralen Element romantischer Vorstellungen auf der Suche nach Ursprünglichkeit und nationaler Identität. Da durch die voranschreitende Urbanisierung immer mehr Leute in Städten lebten und somit den direkten Kontakt zur ländlichen Lebenswelt verloren, gewann der Wald zusätzliche kulturelle Bedeutung. Vereinfacht könnte man es auch so formulieren: Wo die ländliche Bevölkerung hauptsächlich eine Ressource sah, mit deren Hilfe sie sich ihren Lebensunterhalt erarbeiten musste, bot sich den begüterten Städtern ein Anhaltspunkt zur für Sinnstiftung und Erholung. Aufs dieser Grundlage erwuchsen dann zum Ende des Jahrhunderts hin nicht nur die Ursprünge heutiger Umweltschutzbewegungen, sondern ebenso die Basis des modernen Naturtourismus. Auf diese Weise hat der Wald seine bedrohliche Seite in unserer kulturellen Wahrnehmung weitestgehend verloren, während ihm neue Bedeutungsfelder im Rahmen von Ökologie und Freizeitgestaltung zugeschrieben wurden.  


Shinrin Yoku –: Bäume auf Rezept  

Es trifft sich gut, dass gerade schon von Urbanisierung die Rede war, denn als das Paradebeispiel schlechthin kann hier Japan gelten. Mit der Metropolregion Tokio verfügt der fernöstliche Inselstaat über den (je nach Berechnungsweise) größten Ballungsraum der Erde. In und um Nippons Hauptstadt drängen sich stolze 38 Millionen Einwohner auf 13.561 Quadratkilometern (zZum Vergleich: dDie Steiermark schafft es bei 16.398 Quadratkilometern Fläche auf weniger als eineinhalb Millionen Köpfe.). Zusammen mit der weltberühmten Arbeitsmentalität kann bei dem ganzen Platzmangel im Asphaltdschungel japanischer Großstädte schon einmal ordentlich Stress aufkommen. Nicht ohne Grund existiert im Japanischen mit dem Ausdruck „Karōshi“ ein eigener Begriff dafür, sich durch andauernde Überarbeitung wortwörtlich zu Tode zu schuften. Dabei stellen gewöhnliche Zivilisationskrankheiten wie Herzinfarkte, Schlaganfälle und Depressionen auch gerade für diejenigen eine Bedrohung dar, die eine ruhige Kugel durch die Megametropolen schieben. Wo Schatten ist, ist jedoch auch Licht und so fand man in dem hochmodernen, doch aber gleichzeitig tief in der Tradition verwurzelten Land ein probates Heilmittel. Als überraschend einfache und dennoch effektive Vorsorge und Therapie gegen viele dieser verbreiteten Leiden hat sich das sogenannte „Waldbaden“ erwiesen. Dieser Begriff wurde erstmals 1982 von Tomohide Akiyama, dem damaligen Leiter der japanischen Forstbehörde, geprägt. Wie der Name schon andeutet, geht es bei „Shinrin Yoku“ einfach darum, sich die positiven gesundheitlichen Einflüsse der besonderen Atmosphäre im Wald durch gezielte Aufenthalte dort zunutze zu machen. Man begibt sich dabei gleichsam so in den Wald, wie man etwa bei einer Thermalkur in das Wasser einer Heilquelle steigt. In Japan werden solche Thermalbäder „Onsen“ genannt und stellen ein wichtiges Element der ausgeprägten Badekultur dort dar. Das könnte durchaus eine Rolle für die spezielle Namensgebung der hier behandelten Waldkuren gespielt haben. Immerhin würde sich wohl so mancher Japaner viel eher von allen anderen alltäglichen Annehmlichkeiten trennen, als auf die heißgeliebte Wanne zu verzichten. Mittlerweile ist Waldbaden ein fester Bestandteil des japanischen Gesundheitssystems, welches sogar auch eine diesbezügliche Spezialisierung für Fachärzte kennt. Die Waldspaziergänge können sogar vom Arzt verschrieben werden.  


Nicht nur „BBig in Japan“ 

Der medizinische Erfolg im Forst wurde seit den Neunzigern 90ern durch zahlreiche Untersuchungen wissenschaftlich belegt und hat sich nunmehr weltweit herumgesprochen. Mittlerweile werden auch in unseren Breiten Aufenthalte unter dem Blätterdach gezielt als gesundheitsfördernde Maßnahme eingesetzt. So finden sich laut „Bayrischem Heilbäder-Verband“ allein im Freistaat ganze 13 zertifizierte Kur- und Heilwälder vom oberfränkischen Fichtelgebirge bis in die Berchtesgadener Alpen. An der „Deutschen Akademie für Waldbaden und Gesundheit“ lassen sich mit dem nötigen Kleingeld sogar spezielle Ausbildungen absolvieren. Da sich die Ertrinkungsgefahr in Grenzen hält, können jedoch auch Amateure ohne Aufsicht durch einen eigenen Waldbademeister die positiven Effekte unbesorgt genießen. Das Konzept von der Erholung zwischen Bäumen ist nämlich nicht auf spezielle Abläufe oder Regeln festgelegt, wird aber oft je nach Bedarf oft durch Meditations- und Achtsamkeitsübungen ergänzt. Hierin liegt auch der Unterschied zwischen Kur- und Heilwald begründet, da der Aufenthalt in eersterem das allgemeine Wohlbefinden steigern soll, während bei zzweiterem die Behandlung bestimmter Krankheiten unter therapeutischer Aufsicht im Fokus steht. Freilich braucht so ein Wald nicht erst einen hochtrabenden Titel, um Körper und Geist günstig zu beeinflussen. Da also das Wirken der Natur gottlob nicht auf menschliche Bürokratie angewiesen ist, spielt es unter diesem Aspekt grundsätzlich keine große Rolle, ob wir durch einen sorgfältig angelegten Kurpark schlendern oder mit der Büchse über der Schulter durchs Revier streichen. Die Hauptsache dabei ist, sich ruhig und bewusst wahrnehmend durch den Wald zu bewegen. Der Unterschied zu einem gewöhnlichen Spaziergang besteht hierbei in dem besonderen Augenmerk, das auf die einzigartige Atmosphäre der Umgebung gelegt wird. Beispielsweise konzentriert man sich auf seinem Weg zwischen den Stämmen hindurch einmal auf den kräftigen Harzgeruch der sauberen Waldluft, um dann kurz in der wohligen Kühle im Schatten einer gewaltigen Baumkrone zu rasten, während man unwillkürlich das Farbenspiel der Lichtreflexe in dem daneben gemächlich dahinrauschendenden Bächlein bewundert.





Aromatherapie frei Haus

Wie sehen nun aber diese vielgerühmten positiven Einflüsse des Waldes genau aus und worauf beruhen sie konkret? Und warum muss es speziell der Wald sein, wo doch Bewegung an der frischen Luft generell als gesund gilt? Da haben wir schon wieder das perfekte Stichwort, denn die Waldesluft hat es wahrhaft in sich! Zunächst einmal wäre da der Feinstaubgehalt zu erwähnen, welcher sich in der Umgebung von Bäumen drastisch um bis zu 99 Prozent reduziert. Diese reine Atmosphäre kommt nicht nur Asthmatikern und anderen Lungenkranken gelegen, sondern lässt auch gesunde Besucher im Forst deutlich freier atmen. Darüber hinaus kennt die Forschung noch die sogenannten „Waldaerosole“, bei denen es sich um ein Gemisch aus mikroskopisch kleinen Schwebeteilchen in der Luft handelt, welches für bewaldete Flächen charakteristisch ist. Jenes Aerosol besteht größtenteils aus bestimmten pflanzlichen Duftstoffen, die „Terpene“ genannt werden. Diese Geruchspartikel dienen unter anderem der Kommunikation und werden beispielsweise ausgestoßen, wenn ein Baum von Insekten befallen wird oder eine Blume Bestäuber anlockt. Terpene bilden auch den Hauptbestandteil ätherischer Öle, die den meisten von uns wohl nur von Raumdüften und Kosmetikprodukten her bekannt sein dürften. Unsere Vorfahren jedoch nutzten sie über Jahrhunderte hinweg auch als Heilmittel. Damit dürften sich die Alten gar nicht so sehr auf dem Holzweg befunden haben, denn medizinische Untersuchungen ergaben, dass ätherische Öle auf Immunsystem sowie Nerven stärkend wirken, während Entzündungen und sogar das Wachstum von Krebs gehemmt werden können. Der menschliche Körper nimmt die hilfreichen Terpene nicht nur bei direktem Kontakt über die Haut auf, sondern kann sie sich ebenso über die Atmung einverleiben. In dieser Hinsicht gelten Fichten, Tannen und Kiefern als wirkungsvollste Gehölze. Der Name für diese über 8.000 verschiedene Duftstoffe umfassende Gruppe an chemischen Verbindungen wurde übrigens von „Terpentin“ abgeleitet, welches hauptsächlich aus dem Harz von Kiefern und Lärchen hergestellt wird (wWer’´s genau wissen will, kann sich im Artikel „Vom Glück mit dem Pech“ in unserer Sommerausgabe von 2023 über das alte Handwerk der Pecherei informieren.). Selbst ohne Terpene sind (Wald-)Düfte bekanntlich oft dazu in der Lage, sofort Erinnerungen und damit verbundene Gefühle hervorzurufen. Dies dürfte durch die spezielle Funktionsstruktur des menschlichen Gehirns zustande kommen. Dort übernimmt ein bestimmter Bestandteil der zcerebralen Anatomie, der als „limbisches System“ bekannt ist, eine wesentliche Rolle innerhalb der Entstehung von Emotionen und Trieben. Vereinfacht gesprochen, werden dabei über die Nervenzellen der Nase aufgenommene Geruchsinformationen per Direktverbindung ans Hirn weitergeleitet, während zum Beispiel durch die Augen hereinkommende Reize erst einmal den Umweg über eine Schaltzentrale namens „Thalamus“ machen müssen. Dieser Thalamus funktioniert zudem wie eine Art Sieb, das die Eindrücke filtert und in bekannte Bahnen lenkt. Über die olfaktorische Schnellstraße schaffen es Botschaften also schneller und kräftiger in unser Bewusstsein. Beispielsweise kann einen der Duft frischgebackener Kekse gedanklich direttissimo in die Vorweihnachtszeit der Kindheit versetzen, das Gefühl der freudigen Erwartung und Geborgenheit inklusive. Manchem Weidmann mag es ähnlich gehen, wenn er frische Waldesluft schnuppert.

Flora und Psyche

Die handfesten gesundheitlichen Vorteile des Waldes gehen jedoch weit über den Dunstkreis rund um unsere zarten Nasen hinaus! Laboruntersuchungen bewiesen zum Beispiel, dass Entspannung im Grünen den Cortisolspiegel im Körper senkt. Je länger der Aufenthalt in der Natur war, desto niedriger war die Menge an demdes berüchtigten Stresshormons im Blut der Versuchspersonen. Bereits eine Verweildauer von 20 Minuten reichte aus, um die Cortisolwerte deutlich zu reduzieren. Selbst im städtischen Umfeld lassen sich positive Auswirkungen beobachten, wie eine Studie zu Spaziergängen offenbart. Diejenigen unter den Teilnehmern, welche die bei ihren Ausflügen den Blick gezielt auf Pflanzen und nicht etwa Architektur oder Äähnliches richten sollten, kamen auch am entspanntesten zurück. Innerhalb dieser Gruppe zeitigte das Betrachten von Bäumen die größte positive Wirkung. Dabei müssen es anscheinend nicht einmal reale Gewächse sein, da sich selbst Fotos grüner Landschaften günstig auf das Befinden ausgewirkt haben sollen. Vor diesem Erfahrungshintergrund stellte der niederländische Wissenschaftler und Förster Cecil Konijnendijk seine bekannte 3-30-300-Regel auf. Dieser psychologische Grundsatz für die Stadtplanung besagt, dass jeder Einwohner von seinem Zuhause aus mindestens drei Bäume sehen können sollte. Weiters sollten 30 Prozent der Gesamtfläche in der direkten Nachbarschaft von Baumkronen beschattet werden und schließlich eine hochwertige Grünfläche wie etwa ein Park nicht weiter als 300 Meter entfernt liegen. Der Verteilungsschlüssel von demdes Mannes mit dem komplizierten Nachnamen findet mittlerweile in zahlreichen Städten rund um den Globus Anwendung.

Wald und Weh

Mit dem gesteigerten Wohlbefinden ist es jedoch immer noch nicht getan. Der günstige Einfluss des Waldes erstreckt sich nämlich nicht nur auf psychische Belastungen, sondern vermag selbst körperliche Schmerzen zu lindern. Als Beweis für diese kühne Behauptung lassen sich wieder Studien anführen: In Schweden etwa untersuchte man bereits 1984 eine Gruppe von Patienten, welche sich alle stationär im Krankenhaus von einem chirurgischen Eingriff erholen mussten. Jene, die in einem Zimmer mit Blick auf den nahegelegenen Park lagen, erholten sich nicht nur schneller, sodass sie durchschnittlich um einen Tag früher entlassen werden konnten, sondern benötigten vor allem auch weniger Schmerzmittel als diejenigen, welche nicht in den Genuss des schönen Ausblicks gekommen waren. Forscher der Universität Wien wollten es 2025 noch genauer wissen und erstellten eine Versuchsreihe zum direkten Schmerzempfinden. Hierfür wurden 49 Probanden kurze Videoaufnahmen vorgespielt, die entweder Eindrücke aus der Natur, einem städtischen Umfeld oder einem Innenraum enthielten. Gleichzeitig wurden den unerschrockenen Teilnehmern am Handrücken Stromstöße in unterschiedlicher Stärke versetzt. Wie stark der dadurch jeweils ausgelöste Schmerz für sie war, wurde zum einen über mündliche Mitteilungen der Versuchspersonen erhoben und zum anderen mittels Tomografie an deren Gehirnaktivität gemessen. Beim Betrachten von Bildern aus der Natur wurde nun eindeutig weniger Schmerz wahrgenommen und dieser zudem als weniger unangenehm charakterisiert. Obwohl darauf geachtet worden war, dass sich auch auf den Stadtbildern einige Bäume fanden, ließ sich fast kein Unterschied zwischen diesen und jenen vom Innenraum feststellen. Die gleichzeitige Kontrolle des Schmerzzentrums im Hirn offenbarte ein weiteres erstaunliches Detail. Da auch dort weniger Aktivität auftrat, wenn Bäume und Co. zu sehen waren, konnte es sich um keinen reinen Placeboeffekt handeln. Placebos wirken sich nämlich in der Regel lediglich auf die emotionale Verarbeitung von Schmerzreizen aus, nicht jedoch auf die bloße Wahrnehmung durch die Nervenbahnen. Die Naturaufnahmen mussten ergo schon die anfängliche Übermittlung der Schmerzreize beeinflussen. Die beteiligten Wissenschaftler schätzten das lindernde Potenzial der Naturbetrachtung als in etwa halb so stark ein wie diejenige von Schmerzmitteln. ein. Natur kann also wortwörtlich dafür sorgen, dass wir unser Ungemach vergessen. Wer hätte gedacht, dass ein einfacher Waldgang gleichzeitig als Mittel zur Entspannung, Atemwegstherapie, Psychohygiene, Herz-Kreislauf-Prophylaxe und Schmerzbehandlung dienen kann? Vorausgesetzt natürlich, man lässt sich dabei Zeit. Denn genauso wie beim Jagdglück lässt sich auch in der Gesundheit nichts erzwingen. Also geht es das nächste Mal im Revier getrost ruhig an und schaut auf euch selbst. Denn auch im Fall von Stress und Sorgen gelten Schillers Worte: Die Axt im Haus erspart den Zimmermann.