Welche Rolle spielen jagdliche Prüfungen und die tatsächliche Arbeit im Revier bei deinen Zuchtentscheidungen? Gibt es Eigenschaften, die sich deiner Erfahrung nach erst im praktischen Jagdeinsatz wirklich beurteilen lassen?
Prüfungen haben für mich einen hohen Stellenwert. Sie schaffen eine gewisse Vergleichbarkeit und zeigen, ob bestimmte Anlagen und Leistungen vorhanden sind. Als Leistungsrichterin weiß ich aber auch sehr genau: Eine Prüfung bleibt immer eine Momentaufnahme. Der praktische Jagdeinsatz ist deshalb für mich mindestens genauso wichtig. Im Revier entstehen Situationen, die man auf bei keiner Prüfung vollständig nachstellen kann. Dort zeigt sich, ob ein Hund auch nach mehreren Stunden noch konzentriert arbeitet, wie er mit Misserfolg und Frust umgeht, ob er unter hoher Erregung ansprechbar bleibt und ob er in schwierigen Situationen vernünftige Entscheidungen trifft. Gerade Dinge wie Nervenstärke, Ausdauer, Härte gegen sich selbst, echte Führigkeit und die Fähigkeit, nach einem aufregenden Einsatz wieder zur Ruhe zu kommen, lernt man bei einem Hund oft erst mit der Zeit kennen. Deshalb würde ich meine Zuchtentscheidungen niemals ausschließlich aufgrund von Prüfungsergebnissen treffen. Für mich muss sich ein Jagdhund auch im wirklichen Leben und in der jagdlichen Praxis bewähren.
Gesundheit, Leistungsfähigkeit und genetische Vielfalt sollen in der modernen Jagdhundezucht gleichermaßen berücksichtigt werden. Wie versuchst du, diese Anforderungen bei der Auswahl einer Verpaarung miteinander zu verbinden?
Das ist wahrscheinlich eine der schwierigsten Aufgaben eines Züchters, denn den perfekten Hund gibt es nicht – und die perfekte Verpaarung vermutlich auch nicht. Ich versuche deshalb, möglichst viele Informationen zusammenzutragen. Natürlich gehören die vorgeschriebenen und sinnvollen Gesundheitsuntersuchungen dazu. Genauso wichtig sind für mich aber Informationen über Eltern, Geschwister, frühere Nachkommen und die Linien insgesamt. Auch der Inzuchtgrad beziehungsweise die genetische Vielfalt einer Verpaarung spielt eine Rolle. Gerade wenn bestimmte erfolgreiche Hunde sehr häufig eingesetzt werden, kann eine Population genetisch schnell enger werden, obwohl auf dem Papier zunächst alles hervorragend aussieht. Auf der anderen Seite darf man bei aller Genetik die ursprüngliche Aufgabe unserer Rassen nicht vergessen. Ein genetisch interessanter Hund hilft mir wenig, wenn Wesen, Gesundheit oder jagdliche Anlagen nicht passen. Ich versuche deshalb nicht, einen einzelnen Wert zu optimieren, sondern die gesamte Verpaarung zu betrachten. Beide Hunde sollten sich möglichst sinnvoll ergänzen. Dabei geht es für mich nicht darum, Schwächen schönzureden, sondern sie zu kennen und verantwortungsvoll damit umzugehen.
Die gesetzlichen Anforderungen an Hundezucht und Tierschutz nehmen zu. Wo siehst du sinnvolle Entwicklungen und wo besteht aus deiner Sicht die Gefahr, dass die besonderen Anforderungen an leistungsfähige Jagdgebrauchshunde zu wenig berücksichtigt werden?
Grundsätzlich halte ich hohe Anforderungen an Tierwohl und verantwortungsvolle Zucht für absolut richtig. Wer Hunde züchtet, übernimmt eine enorme Verantwortung – für die Elterntiere ebenso wie für die Welpen und letztlich für eine ganze Rasse.
Problematisch wird es für mich dort, wo Regelungen entstehen, ohne ausreichend zwischen unterschiedlichen Rassen, Verwendungszwecken und tatsächlichen Anforderungen zu unterscheiden.
Ein leistungsfähiger Jagdgebrauchshund ist kein reines Freizeit- oder Begleittier. Er wurde über Generationen für bestimmte Aufgaben selektiert. Diese Hunde brauchen Beschäftigung, Belastbarkeit, Passion und – je nach Rasse und Einsatzgebiet – auch ein hohes Maß an Selbstständigkeit.
Natürlich darf der Einsatz als „Gebrauchshund“ niemals eine Rechtfertigung für schlechte Haltung oder fragwürdige Ausbildungsmethoden sein. Ganz im Gegenteil. Gerade von Menschen, die mit Arbeitshunden umgehen, sollte man besonders viel Sachkenntnis erwarten.
Ich wünsche mir deshalb bei gesetzlichen Regelungen mehr Einbindung von Menschen, die diese Hunde tatsächlich ausbilden, führen, züchten und ihre Arbeit beurteilen können. Tierschutz und leistungsfähige Jagdhundezucht sind für mich keine Gegensätze. Gute, fachkundige Jagdhundearbeit ist gelebter Tierschutz.
Wenn du zehn oder zwanzig Jahre vorausblickst: Was müssen Züchter, Verbände und auch Welpenkäufer heute tun, damit wir weiterhin gesunde, wesensfeste und leistungsfähige Jagdhunde haben?
Ich glaube, wir müssen vor allem langfristiger denken. Züchter tragen die Verantwortung, nicht nur den nächsten Wurf zu planen, sondern die Entwicklung einer Rasse im Auge zu behalten. Dazu gehört für mich auch, ehrlich über gesundheitliche Probleme, Wesensschwächen und Fehler zu sprechen. Wenn Informationen aus Angst vor Kritik verschwiegen werden, hilft das niemandem – am wenigsten der Rasse. Die Verbände haben die wichtige Aufgabe, Gesundheitsdaten und Prüfungsergebnisse möglichst transparent zu erfassen und gleichzeitig darauf zu achten, dass eine genetische Vielfalt erhalten bleibt. Auch der häufige Einsatz einzelner populärer Rüden sollte meiner Meinung nach kritisch betrachtet werden. Und schließlich tragen auch Welpenkäufer Verantwortung. Ein Jagdhund sollte nach seinen Anlagen und nicht nur nach Aussehen, Farbe, Titel der Eltern oder einem schönen Foto ausgewählt werden. Wer einen leistungsgezüchteten Hund kauft, muss bereit sein, ihm ein entsprechendes Leben zu ermöglichen. Für die Zukunft wünsche ich mir außerdem, dass wir bei aller modernen Diagnostik und Genetik eines nicht vergessen: Unsere Jagdhunderassen sind durch Leistung entstanden. Gesundheit, Wesen und Leistung dürfen deshalb nicht gegeneinander ausgespielt werden. Wir brauchen alle drei.
Mein Wunsch für die nächsten Jahrzehnte wäre eigentlich ganz einfach: dass wir auch dann noch Jagdhunde haben, die körperlich und mental gesund sind, ihre ursprüngliche Arbeit mit Passion ausüben und mit denen man gleichzeitig sehr gerne zusammenlebt. Genau solche Hunde möchte ich auch selbst züchten.
TEXT: Claudia Költringer