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Jagd in Japan

Wer hier bei uns das Schlagwort „Japan“ hört, denkt wahrscheinlich automatisch erst einmal an hochmoderne Millionenmetropolen wie Tokio, Yokohama oder Osaka, deren neonbeleuchtete Hektik einem als gemächlichem Europäer direkt den Atem zu rauben scheint. Vielleicht sind es auch idyllische Kirschblütenhaine, trotzige Samuraiburgen und uralte Schreine mit ihren markanten Torii-Toren, die vor dem inneren Auge auftauchen. „Nippon“, wie das fernöstliche Land von seinen Einwohnern genannt wird, hat jedoch ebenso eine wilde Seite. Und genau die bereitet dem fernöstlichen Inselstaat gerade ordentliche Probleme, aus denen sich für uns Zaungäste, die eine oder andere Lehre ziehen lässt. Schließt euch also unserer abenteuerlichen Ostasienexpedition an, um mehr über das exotische Weidwerk Japans zu erfahren!

Hirsche unter der aufgehenden Sonne

Japan ist ein Land der starken Kontraste. Diese beschränken sich nicht nur auf den typischen Zwiespalt zwischen traditioneller Ruhe und hochmoderner Schnelllebigkeit, sondern finden auch in der Landesnatur ihren direkten Ausdruck. Drei Viertel der gesamten Landesfläche bestehen aus bewaldeten Gebirgsregionen, deren Unwegsamkeit einen krassen Gegensatz zu den dichtbesiedelten Küstengebieten und Tallagen bildet. Wie bei solchen Bedingungen nicht anders zu erwarten, tummelt sich in der Inselnation also durchaus einiges an Jagdwild. Die beiden zahlenmäßig bedeutsamsten Arten sind hierbei zugleich auch diejenigen, welche uns am vertrautesten erscheinen dürften. Als Erstes wäre da das Sikawild zu nennen, welches ab dem Ende des 19. Jahrhunderts auch in Europa eingeführt wurde. Am Ostrong im Weinviertel existiert beispielsweise seit 1907 eine solche Kolonie. Doch auch in den Donauauen bei Tulln, im bundesdeutschen Klettgau oder dem Sauerland und an anderen Orten konnten sich wildlebende Populationen des Sikahirschs etablieren. Die Vorfahren der österreichischen Sikarudel kamen dabei sogar als direktes Geschenk des japanischen Herrscherhauses an Kaiser Franz Joseph an die Ufer der schönen blauen Donau. In naher Zukunft wird jedoch aller Wahrscheinlichkeit nach ein blutiger Schlussstrich unter dieses royale Präsent gezogen: EU-Gremien kamen nämlich unlängst zu dem Schluss, dass es sich beim Sikawild um eine invasive Spezies handle, deren nunmehr über hundert Jahre währende Anwesenheit eine nicht hinnehmbare Bedrohung für die genetische Reinheit des europäischen Rotwildes darstellen würde. Um dieser akuten Gefahr zu begegnen, wurde in Brüssel natürlich gleich ein entsprechender Schießbefehl erlassen. Die Ausrottung der für illegal erklärten tierischen Einwanderer hat demzufolge in allen Mitgliedsstaaten bis August 2027 zu erfolgen. Selbst in ihrer ursprünglichen Heimat in Ostasien ergeht es den Sikas schlecht, da die als bedroht eingestufte Art mittlerweile aus den meisten Gegenden Chinas, Taiwans und Koreas verschwunden ist. Japan stellt hierbei jedoch mit sogar sehr hohen Bestandszahlen eine Ausnahme dar. Dies spiegelt sich auch in der Bezeichnung für diese spezielle Hirschart wider: Ihr lateinischer Name innerhalb des biologischen Klassifizierungssystems nach Carl von Linné lautet Cervus nippon, was sich simpel mit „japanischer Hirsch“ übersetzen lässt. Die landläufige deutschsprachige Bezeichnung für das fernöstliche Importwild weist ebenso einen direkten Bezug zum Inselstaat auf, da sich unser „Sika“ vom japanischen Wort „shika“ (鹿) ableitet, welches eben ganz unspektakulär einen Hirsch bezeichnet. Sikahirsche weisen mit ihrer Schulterhöhe zwischen 64 und 100 Zentimetern und einem Gewicht von 40 bis 60 Kilogramm einen deutlich kleineren Körperbau auf als das uns bekannte Rotwild, zeigen sich dafür jedoch als sehr anpassungsfähig. Aus diesem Grund tritt die Art in nahezu allen Gegenden Japans auf, obwohl sich die Grenzen des Landes von den heiß-feuchten Pazifikinseln im subtropischen Südwesten bis weit hinauf in das kalte und vor allem schneereiche Hokkaido über ganze sechs Klimazonen erstrecken. Sikawild bevorzugt zwar Wälder und dichtes Unterholz als Einstand, kommt aber ebenso in Uferlandschaften zurecht, wo es sich als guter Schwimmer bei Gefahr auch ins Wasser flüchten kann. Das Äsungs- und Fortpflanzungsverhalten gleicht weitgehend dem seiner europäischen Verwandten, wobei in der Brunftzeit kein tiefes Röhren ertönt, sondern schrille Pfiffe durch die Wälder hallen. Aufgrund seines vorsichtigen Naturells soll Sikawild eine größere weidmännische Herausforderung darstellen als vergleichbare Geweihträger.

Mit Schnauzer und Kragen

Neben seinen Miniaturhirschen verfügt das Land der aufgehenden Sonne auch über eine eigene Sorte von Schwarzkitteln. Der Unterschied zu den Wildschweinen unserer Breiten beschränkt sich im Wesentlichen auf Details wie Schädelform, Größe und Fellfarbe. Das wohl einprägsamste Merkmal der japanischen Sauen ist die weiße Zeichnung der Schwarte zwischen Rüssel und Haderern, wovon sich der wissenschaftliche Beiname dieser Unterart Leucomystax (weißer Schnurrbart) ableitet. Ansonsten kann davon ausgegangen werden, dass es unter den Schweinderln in Nippon gleich zugeht wie unter den unsrigen (von den Essstäbchen und Teeschalen an der Kirrung einmal abgesehen). Wildschweine sind auf vier der fünf Hauptinseln Japans verbreitet, nur auf Hokkaido hoch im Norden oben finden sich keine. Auf den Ryukyu-Inseln im Ostchinesischen Meer (das Verwaltungszentrum Okinawa dürfte manchem vielleicht noch aus Büchern und Filmen zum Zweiten Weltkrieg bekannt sein) kommt dagegen eine eigene, gefährdete Untergattung vor. Neben diesen zwei Hauptwildarten ist vor allem noch der Bär als aus weidmännischer Sicht relevante Tierart zu nennen. Meister Petz kommt gleich in zwei Ausführungen daher: Der Kragenbär misst als asiatische Spielart des Schwarzbären vom Haupt bis zum Schwanz 120 bis 180 Zentimeter, wiegt 110 bis 150 Kilogramm (Männchen) und trägt einen weißen, sichelförmigen Brustfleck auf dem ansonsten wirklich pechschwarzen Fell. Neben den 100 bis 280 Zentimetern seines großen Bruders, dem auf Hokkaido vertretenen Braunbären, wirkt der biedere Kollege mit dem Kragen zwar geradezu niedlich, was ihn jedoch keineswegs davon abhält, für gehörig Unruhe zu sorgen. Mit dem Marderhund hat es neben dem Sikahirsch noch ein weiteres typisch japanisches Wildtier bis nach Europa geschafft. Auch diesmal half ihm der Mensch dabei ordentlich auf die Sprünge, da ihn die Sowjets in der Ukraine gezielt zur Pelzgewinnung aussetzen ließen. Von dort hat sich der zum zoologischen Stamm der Füchse gehörende Neuankömmling selbstständig weiter zu uns in den Westen durchgeschlagen, wo er heute vor allem in der Umgebung der Donau in Nieder- und Oberösterreich sowie im Nordosten Deutschlands vorkommt. Während unsere Vorfahren höchstens die Haut des Marderhundes (Seefuchsfell) zu schätzen wussten, wird ihm innerhalb der japanischen Folklore seit Jahrhunderten ein magischer Charakter zugeschrieben. Die Tanuki, wie sie dort heißen, verfügen in den Sagen über eine sehr spezielle Fähigkeit der Gestaltwandlung, welche sie angeblich gerne nutzen, um den Menschen Streiche zu spielen oder sich hin und wieder einen Schluck Sake zu organisieren (wie man sich das konkret vorzustellen hat, können die weniger zimperlichen Gemüter unter euch gerne selbst auf eigene Verantwortung recherchieren). Obwohl er im Vergleich eher derb daherkommt, ähnelt der Tanuki mit seinen Tricksereien dem Fuchs (Kitsune), der sowohl die alten Geschichten als auch die tatsächliche Natur unsicher macht. Da er ebenso für seine Listigkeit bekannt ist, kann Kitsune ohne Weiteres als das fernöstliche Pendant zu unserem Reineke gelten.

Eine wechselvolle Geschichte

Ohne einen kleinen Schwenk in historische Gefilde geht es auch diesmal nicht über die Bühne, meine lieben Leserinnen und Leser! Denn die besonderen und zum Teil für uns befremdlich wirkenden Gepflogenheiten rund um die Jagd in Japan lassen sich – so wie übrigens auch die unsrigen – mit etwas Geschichtskenntnis viel besser verstehen. Wie überall auf dem Erdball ist nämlich auch das Weidwerk des Fernen Ostens immer in einen größeren gesellschaftlichen und kulturellen Kontext eingebunden. Prägend für die soziokulturellen Verhältnisse Japans ist seit mehr als einem Jahrtausend das Nebeneinander zweier Religionen: Shintoismus und Buddhismus. Im Zentrum des Shintoismus stehen die sogenannten „Kami“, bei denen es sich um Gottheiten von unterschiedlicher Herkunft und Gestalt (Menschen, Tiere, Naturphänomene) handelt, welche in eigenen Schreinen verehrt werden. Als im Frühmittelalter buddhistische Mönche ihre Lehren vom Festland herüberbrachten, kam es nicht zu einer Ablösung der ursprünglichen Shinto-Religion, sondern zu einer Anpassung beider Glaubenssysteme aneinander ohne striktes Entweder-oder. Wer heute der Opferzeremonie für den lokalen Shinto-Gott beigewohnt hat, kann also morgen schon in einem Tempel zu einer der Inkarnationen Buddhas beten. Dieser Synkretismus aus zwei Religionen wird auch daran deutlich, dass die Kaiser zwar selbst als Nachfahren der Sonnengöttin gelten und daher Verehrung als shintoistische Kami erfuhren, jedoch auch buddhistisch motivierte Speisegesetze erließen. Den Vorstellungen von Wiedergeburt, Karma und Leidvermeidung der Lehren Siddhartha Gautamas folgend, wurde ab dem Frühmittelalter wiederholt der Konsum von Fleisch verboten. Während in den kaiserlichen Erlässen die Schlachtung und der Verzehr von Rindern, Pferden, Hühnern etc. unter Strafe gestellt wurde, blieben Fischgerichte (sowie die damals zu den Fischen gerechneten Wale) auf dem Speisezettel stehen (Fische geben bekanntermaßen keine mitleiderregenden Klagelaute von sich und die Intensität ihres Schmerzempfindens wird bis heute heiß diskutiert; ohne Sushi und Co. wäre die Küche dieser Inselnation außerdem selbst heute noch nur ein Schatten ihrer selbst!). Interessanterweise war auch Wild von diesen Ernährungstabus ausgenommen, was vielleicht mit der adeligen Jagdkultur und der Bekämpfung von Schäden an den Ernten zu tun haben könnte. Eine noch heute gängige Bezeichnung für Wildschweine in Japan bedeutet wörtlich übersetzt „Berg-Wal“, was in Anbetracht der massigen Figur und damit verbundenen Menge an Wildbret Sinn ergibt. Die Cousins unserer Schwarzkittel haben es sogar in das früheste schriftliche Zeugnis der japanischen Sprache, die mythische Chronik Kojiki aus dem 8. Jahrhundert nach Christus, geschafft. Die mit einigen Ausnehmen generell eher ablehnende Einstellung der japanischen Gesellschaft gegenüber dem Thema Fleischkonsum änderte sich aber erst, als sich der innovationsfreudige Kaiser Meiji 1872 demonstrativ eine saftige Portion Rind kredenzen ließ. Bis zum weltberühmten Wagyu-Steak sollte es ab dann aber noch ein paar Jahrzehnte Zucht brauchen.

Moderne Zeiten

Wie bereits erwähnt, ist das Angebot an ertragreichen landwirtschaftlichen Flächen in Japan aufgrund der zerklüfteten Landesnatur seit jeher eng begrenzt, was die Ausflüge von Sika und Sauen auf die Saatfelder umso gravierender machte. Obwohl auch im vormodernen Japan die Jagd eigentlich ein Vorrecht des Adels war, lehnten die Machthaber eine Reduktion der Wildbestände durch die betroffenen Bauern selbst nicht ab. Zu diesem Zweck wurden sogar Schusswaffen verliehen und im durch zahlreiche innere Konflikte geprägten Jahr 1868 sollen an die 1,5 Millionen Feuerrohre im Besitz der Landbevölkerung gewesen sein. Jene im Vergleich zu heutigen Verhältnissen gewaltige Anzahl von Gewehren in den Händen von Privatleuten (1996 waren es laut Statistik nur mehr um die 200.000) ließ gemeinsam mit dem erheblichen Bevölkerungswachstum in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts den Jagddruck massiv ansteigen. Zusätzlich kam es vielerorts zu einer Übernutzung der Wälder, um den Rohstoffhunger der sich nach der Öffnung für westliche Einflüsse rasant entwickelnden Wirtschaft des Landes befriedigen zu können. Da so ein massiver Kraftakt wie der Sprung Japans von einer feudalen Agrar- zu einer modernen Industriegesellschaft innerhalb einiger Jahrzehnte ordentlich Kalorien verbrennt, wuchs auch der Appetit auf Wildbret. Auf diese Weise wurden die regionalen Bestände quasi automatisch auf niedrigem Niveau gehalten, weshalb keine eigene Gesetzgebung zur Regulation des Wildes für nötig erachtet wurde. Der große Umschwung kam erst im Gefolge des Zweiten Weltkriegs. Nach den kriegsbedingten Verwüstungen und der restriktiven Besatzungszeit erlebte Japan nämlich in den 50er- und 60er-Jahren seine eigene Version des Wirtschaftswunders. Die ländliche Bevölkerung strömte in die Städte, wo brummende Fabriken mit gutbezahlten Arbeitsplätzen und frisch aus dem Boden gestampfte Wohnblöcke mit Heimstätten voll modernem Komfort lockten. Auch aufgrund dieser Landflucht wurde die Lebensmittelversorgung zunehmend über Importe gedeckt und viele der noch vor einigen Generationen mühsam kultivierten Ackerflächen verwilderten wieder. Gleichzeitig bildeten sich in der entstehenden Konsumgesellschaft neue Ernährungsgewohnheiten heraus, bei denen Wild keine Rolle mehr spielte. Die einbrechende Nachfrage für Wildbret sorgte gemeinsam mit ersten Schutzbestimmungen für eine weitere Reduktion des Jagddrucks auf Sikahirsche, Wildschweine und Schwarzbären, welche in den großflächig mit Sicheltannen aufgeforsteten Wäldern ideale Lebensbedingungen vorfanden. In der Folge stiegen die Bestandszahlen seither massiv an, was sowohl in der Landwirtschaft als auch in den Städten teilweise erhebliche Probleme verursacht.

Wildschäden: Schutz mit Zurückhaltung

Einmal wieder zahlreich geworden, hielt es die hungrigen Hirsche und Schweine nicht mehr lange nur in ihren Einständen. Der Tisch direkt vor ihrer Nase war ja auch zu reichlich gedeckt, denn durch die Aufgabe der weniger ertragreichen Felder in den landwirtschaftlichen Randbereichen fielen die vormaligen Pufferzonen vor den intensiv bewirtschafteten Äckern und Obsthainen weg. Die ökonomischen Folgen sind beträchtlich: Allein 2017 schätzte man die landesweiten Bestände an Sikawild auf 2,4 Millionen Stück, während man von 880.000 Wildschweinen ausging. Gemeinsam schafften es die beiden Arten auf Platz eins und zwei der Schadensliste mit einer betroffenen Gesamtfläche von 48.000 Hektar Ackerland. Zum Vergleich sei angemerkt, dass dies fast exakt der in Österreich mit Hackfrüchten (Kartoffeln, Mais, Zuckerrüben etc.) bepflanzten Fläche entspricht. Die nur spärlich erfassten forstwirtschaftlichen Verluste mit eingerechnet, sind Sikahirsche im Alleingang für insgesamt drei Viertel aller Schäden verantwortlich, während sie bei den Ackerfrüchten nur knapp vor den zahlenmäßig schwächeren, doch viel umtriebigeren Sauen rangieren. 2020 erwuchs der japanischen Landwirtschaft hieraus ein stattlicher Verlust von 130 Millionen Euro, wobei die Schälschäden in den Forstgebieten nicht miteingerechnet wurden. Der Löwenanteil des Waldbestands gehört nämlich Privatleuten, welche sich meist nicht viel um ihre sehr kleinen Parzellen kümmern können und sie daher Betriebsgenossenschaften zur Nutzung überlassen. Gemeinsam mit den gering ausgebauten Güterwegen und oft unklaren Besitzverhältnissen sorgen die niedrigen Einkünfte aus dem Forstbesitz dafür, dass allgemein wenig Druck in Richtung Bestandsreduktion zwecks Waldschutz besteht. Es existiert kein System zum Ausgleich der durch Wildtiere angerichteten Schäden im Land der aufgehenden Sonne, jedoch bietet der Staat dort Förderungen für Schutzmaßnahmen an. Üblicherweise wird hierbei versucht, den gefräßigen Eindringlingen mittels Zäunen und Netzen den Weg zu versperren, in manchen Fällen kommen aber auch Kastenfallen zum Einsatz. Erst wenn diese Mittel nicht greifen, werden Mitglieder lokaler Jagdverbände von den Behörden beauftragt, die Wildbestände nach einem festgelegten Abschussplan zu reduzieren. Die Weidleute sehen sich in solchen Fällen als Dienstleister und lassen sich ihre Bemühungen dementsprechend von der öffentlichen Hand vergelten. Heutzutage geht der Großteil der Jagdstrecke auf solche Behördenaufträge zurück, da sich das allgemeine Interesse an der Jagd selbst und dem dabei erzeugten Wildbret stark in Grenzen hält.


Der Weg des Jägers

Doch selbst wenn die Entscheidung zum Abschuss gefallen ist, tun sich die zuständigen Beamten zunehmend schwer, überhaupt genügend firme Weidleute zur Durchführung der Bestandskontrolle aufzutreiben. Ein Grund hierfür ist im speziellen Charakter des japanischen Jagdsystems zu suchen. Organisiert wird das Ganze zunächst über die Vergabe von Jagdlizenzen ohne Flächenbindung. Es werden also keine festen Reviere verpachtet wie in Österreich oder Deutschland, sondern Erlaubnisscheine ausgegeben, welche generell zum Jagen in allen vorgesehenen Gebieten berechtigen. Nur in wenigen Ausnahmefällen bestehen abgegrenzte Reviere für die Inhaber historisch überlieferter Jagdrechte. Solche Areale sind gemeinsam mit Schutzbereichen, Sperrgebieten, umzäunten Feldern etc. auf offiziellen und jedermann zugänglichen digitalen Karten verzeichnet. Auf urbanem Gebiet, in Parks und auf Friedhöfen ruht die Jagd selbstredend ebenso. Wer sich auf die Pirsch begeben möchte, muss freilich erst noch die erforderliche Prüfung in der nächsten Präfekturhauptstadt bestehen, bei der zunächst theoretische Kenntnisse in Bereichen wie Jagdrecht, Tierschutz oder Waffenhandhabung schriftlich kontrolliert werden, bevor der Kandidat dann sein praktisches Geschick an einer Übungswaffe demonstrieren darf. Wer bestanden hat, ist jedoch noch weit davon entfernt, sich eine Büchse zu schnappen und durch den Wald zu streifen. Der japanische Staat ist nämlich für seine ausgesprochen strengen Waffengesetze bekannt und schaut selbst dem zuverlässigsten Bürger scharf auf die Finger. Wer noch die rigorose Sicherheitsüberprüfung überstanden hat, bei der sich die zuständigen Beamten schon einmal bei den Nachbarn und im persönlichen Umfeld über die Zuverlässigkeit des Anwärters erkundigen können, darf für die ersten zehn Jahre seines Jägerdaseins zunächst mit einer Schrotflinte vorliebnehmen. Ist die Dekade ohne den geringsten Vorfall verstrichen, kann der geduldige Jungjäger anfangen, sich Hoffnungen auf die Besitzerlaubnis für eine Büchse zu machen. Die Behörden dürften jedoch selbst dann sehr knausrig mit ihren Bewilligungen umgehen, denn die meisten Sika- und Wildschweinabschüsse werden anscheinend mittels Flintenlaufgeschoss erzielt.

In der Falle 

Macht euch jetzt gefasst! Denn wenn die bisher geschilderten Eigenheiten des Weidwerks in Nippon manchem von uns Westlern noch halbwegs vertraut oder nachvollziehbar erschienen sein mögen, wird’s nun wirklich krass exotisch: Eine Vielzahl der japanischen Jäger kommt ganz ohne Feuerwaffen aus! Stattdessen wird intensiv auf das Fallenstellen gesetzt. Da Totschlagvorrichtungen, Tellereisen und Co. verboten sind, werden nur „sanfte“ Lebendfallen aufgestellt, die das Wild nicht verletzen sollen. Meistens werden hierfür spezielle Drahtschlingen oder Netze ausgelegt. Hat sich dann ein Sikahirsch oder ein Schwarzkittel darin verfangen, wird das Stück mit der Blankwaffe abgefangen, wobei angeblich teilweise noch Saufedern oder improvisierte Speere zum Einsatz kommen sollen. Während die Fallenjagd in europäischen Gefilden nur eine streng regulierte Nebenerscheinung darstellt, wird in Japan auf diese Weise mehr Strecke erlegt als mit Büchsen und Flinten zusammen. Dieser Umstand wirkt zunächst ausgesprochen befremdlich. Immerhin ist die Nutzung von Schlingen und dergleichen nicht mit unserem Konzept der Weidgerechtigkeit vereinbar und aus gutem Grund in hiesigen Gefilden streng verboten. Der für uns (auf den ersten Blick) unverständliche massive Einsatz von Fallen ist jedoch auf die speziellen sozialen Bedingungen innerhalb der japanischen Gesellschaft zurückzuführen. Diese steht dem privaten Waffenbesitz im Allgemeinen weitaus kritischer gegenüber, als das in Österreich, Deutschland oder gar der Schweiz der Fall sein könnte (obwohl mittlerweile auch bei uns im libertären Wilden Westen unverhohlen der Hoplophobie gefrönt wird und sich diverse einflussreiche Akteure aus Politik und Medien fleißig am schändlichen Kampf gegen den Legalwaffenbesitz beteiligen!). Laut Schätzungen internationaler Organisationen befinden sich in Japan pro 100 Einwohner nur ca. 0,3 Feuerwaffen in privatem Besitz, was die niedrigste Quote unter allen modernen Industrienationen darstellt. In Österreich sollen zum Vergleich ganze 30 „Puffen“ auf 100 Staatsbürger kommen, die vermutete Zahl an illegal besessenen Schießeisen eingerechnet. Aufgrund der ausgesprochen strengen Waffengesetze und der kulturellen Vorbehalte in ihrem Land bleibt also vielen japanischen Jägern de facto nur die Fallenstellerei, welcher dafür ganz im Gegensatz zur westlichen Hemisphäre allgemein kaum gesellschaftlicher Gegenwind entgegenzuschlagen scheint.

TEXT: Othmar Felix Hofer

Bärige Nachwuchsprobleme

Das japanische Jagdsystem zeigt sich bei allen waffenrechtlichen Einschränkungen zumindest hinsichtlich seiner Lizenzen kreativ, da insgesamt vier Kategorien existieren, innerhalb derer die Inhaber dem Wild auf eine jeweils spezielle Weise nachstellen dürfen. Neben der zum offiziellen Besitz von Schusswaffen mit Treibladung befähigenden luxuriösen Klasse 1 gibt es dort noch 2.-Klasse-Scheine, deren Inhaber sich über ein Luftdruckgewehr freuen dürfen. Mit den beiden letzten Kategorien lassen sich zumindest Netze und Fallen ergattern. Man könnte meinen, dass sich bei einem so bunten Angebot stets zahlreiche Interessenten für das Weidwerk in Japan gefunden hätten. Tatsächlich sank die Quote an jährlich vergebenen Jagdlizenzen aber über lange Zeit stetig. 1975 wurde beispielsweise noch 518.000 Japanern eine Jagderlaubnis erteilt. 2017 waren es nur mehr 210.000 Lizenzen, womit sich die jagdberechtigte Bevölkerung Nippons also in 42 Jahren um deutlich mehr als die Hälfte reduziert hat. Dies hat zur Folge, dass der Altersdurchschnitt unter Weidleuten in den meisten Gegenden heute deutlich über 60 liegt. Während dem japanischen Jäger zumindest bis vor Kurzem mit Fug und Recht der Status einer bedrohten Spezies zuerkannt werden konnte, vermehrte sich im Gegenzug die geschützte Schwarzbärenpopulation prächtig. Durch das Anwachsen der Städte und das Fehlen von Übergangszonen – allein seit 2020 hat sich die Zahl an Landwirten in Japan um ein ganzes Viertel reduziert – verschlägt es Meister Petz auf seiner Futtersuche in letzter Zeit immer öfter in urbane Bereiche. Leider reagieren die sonst so gemächlich wirkenden Kollegen alles andere als freundlich, wenn man sie beim Schmausen an prallgefüllten Mistkübeln stört. Nicht einmal beim Einkaufen ist man mehr sicher, wie ein Vorfall letztes Jahr bewies: Ein Schwarzbär marschierte schnurstracks in einen Supermarkt und war über das dortige Angebot offenbar derart ungehalten, dass er in dem ausbrechenden Chaos gleich zwei Kunden verwundete, ehe er sich gekränkt vom Acker machte. Zusätzlich dürfte damals die schlechte Ausbeute an Eicheln und Bucheckern in Japans Wäldern den Bärenhunger nach menschlicher Nahrung befeuert haben. In der Folge kam es zu einem massiven Anstieg von Bärenangriffen, bei denen laut Behörden 2025 ein trauriger Rekord von 13 Todesopfern und Hunderten Verletzen zu beklagen war. Da sich die wenig wählerischen Raubtiere nun schon in der Nähe von Schulen herumtreiben und gezielt in Einfamilienhäuser eindringen, um dort die Küchen zu plündern, treten die Versäumnisse der zurückliegenden Jahrzehnte in beängstigender Deutlichkeit zutage. Die gesetzlichen Bestimmungen für eine Bestandsregulation wurden zwar wesentlich erleichtert, doch fehlt es vielerorts schlichtweg an geübten Jägern, um Meister Petz effektiv auf den Pelz rücken zu können. Da die Medien dem Problem aufgrund der vielen beunruhigenden Vorfälle viel Aufmerksamkeit widmeten, wuchs wieder das öffentliche Interesse an der Jagd und die Anmeldungen für die erforderlichen Prüfungen zogen teilweise kräftig an, besonders unter jüngeren Leuten. Diese Auffrischungskur haben die oft massiv überalterten Jagdvereine dringend nötig, doch wird es unter den gegenwärtigen Umständen lange dauern, bis ein einigermaßen zufriedenstellendes Maß an Lizenzinhabern erreicht ist. 2025 bekamen gerade einmal 240 neue Weidleute in Japan eine Jagderlaubnis ausgestellt. Ungefähr im gleichen Zeitraum schaffte es Österreich allein im eher dünn besiedelten Kärnten auf 241 frischgebackene Jungjäger. Die japanischen Jagdausbilder haben also noch einiges an Arbeit vor sich, denn auf internationale Schützenhilfe können die bedrängten Einwohner Nippons im Kampf gegen die Krawallbären sicher nicht zählen. An Jagdgäste aus dem Ausland ist unter den strengen waffengesetzlichen Auflagen nämlich leider nicht einmal zu denken.

Gelebte Jagdtradition – die Matagi

In der gebirgigen Tohoku-Region im Norden der japanischen Hauptinsel Honshu hat sich allen negativen Einflüssen zum Trotz bis heute eine besondere weidmännische Kultur erhalten, in der dem Bären eine wichtige Rolle zukommt. Die Rede ist von den „Matagi“, wie man die traditionellen Winterjäger dort nennt. Typischerweise werden in der warmen Jahreszeit die Felder bestellt oder Fische gefangen, während mit den ersten Schneefällen das Erbeuten von Haar- und Federwild in den Fokus rückt. Ähnlich wie im deutschsprachigen Raum bildete sich unter diesen Jägergemeinschaften über die Jahrhunderte eine eigene Ausdrucksweise für den weidmännischen Kontext samt besonderer Rituale und Überlieferungen heraus. Ihren mythischen Ursprung führen die Matagi zum Beispiel auf eine Göttin zurück, welche ihre Vorfahren als Belohnung für die Hilfe im Kampf gegen einen anderen Kami mit dem Recht ausstattete, überall in den Bergen Japans jagen zu dürfen. Sicherheitshalber haben sich die Ahnen diese Erlaubnis gleich auch schriftlich geben lassen und noch heute verfügt jedes Oberhaupt einer Matagi-Gemeinschaft über eine handschriftliche Kopie jener sagenhaften ersten Jagdlizenz der Geschichte. Die Einhaltung fester Regeln und Zeremonien soll dafür sorgen, dass einem die Kami vor, während und nach der Jagd gewogen bleiben. So werden beispielsweise erlegte Schwarzbären rituell ins Jenseits verabschiedet, nachdem Abschnitte von Herz, Leber sowie Rückenfleisch als Opfergaben verbrannt wurden. Die bei uns gebräuchliche Jagdsitte des Letzten Bissens dürfte ursprünglich ja in dieselbe metaphysische Kerbe geschlagen haben. Das restliche Wildbret verteilt man gleichmäßig an die Treiber und Schützen der traditionell im Gruppenverband durchgeführten Bärenjagd. Diese und andere Gebräuche der Matagi zeigen auffällige Parallelen zur Kultur der Ainu, den Ureinwohnern der nahegelegenen Insel Hokkaido. Die Präfektur Akita fast ganz am Nordrand Honshus gehört übrigens zum Matagi-Kernland und wurde nicht von ungefähr zur Namensgeberin einer alten Jagdhunderasse, die für ihr einzigartiges Wesen voll stolzem Eigensinn und unerschütterlicher Treue bekannt ist. Der konkrete Einfluss Japans auf die Verhältnisse unserer hiesigen Jagd mag sich jenseits von importierten Sikahirschen und Marderhunden zugegebenermaßen in engen Grenzen halten, der Blick weit über den gewohnten europäischen Tellerrand hinaus kann uns aber dennoch wertvolle Einsichten liefern. So imposant sich der wirtschaftliche und technologische Fortschritt im Land der aufgehenden Sonne zweifellos ausnehmen mag, bleibt ihm doch letztlich nicht die Auseinandersetzung mit seiner wilden Seite erspart. Das Vordringen der Bären in die Städte zeigt, welche Probleme auftreten, wenn sich der gesellschaftliche Fokus zu stark weg von der direkten Arbeit in und mit der Natur verschiebt. Das sollte uns allen eine Warnung sein, denn das Beispiel Japans beweist, wie die Jagd innerhalb weniger Jahrzehnte von einem festen Bestandteil des gesellschaftlichen Alltags zu einem absoluten Randphänomen werden kann. Wie aber auch zu sehen war, können sich archaische Traditionen selbst unter den widrigen Bedingungen einer rapiden Urbanisierung halten und – wer weiß – eines Tages vielleicht sogar neue Kirschblüten treiben. In diesem Sinne: Sayonara!

TEXT: Othmar F. C. Hofer