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Die Jagd in der Literaturgeschichte III 

                                                                                                      Vom 19. Jahrhundert bis heute

                                                                     

Nun ist es an der Zeit für das große Finale des Parforceritts durch die literarische Welt! Mit dem Überraschungsmoment auf unserer Seite wagen wir uns diesmal sogar über den Atlantik, um die Gefilde der Neuen Welt zu erkunden. Wie es sich für einen krönenden Abschluss gehört, haben wir für euch eine schillernde Mischung aus Eindrücken und Zusammenhängen zu bieten, welche die ganze Bandbreite von beinharter Action bis zum schmalzigsten Herzschmerz, von Lederstrumpf bis Bambi abdeckt.

Es war einmal in Amerika

Wo waren wir letztens denn stehen geblieben? Um 1800 ungefähr? Wunderbar, da haben wir ja genau den passenden Moment erwischt, um mit richtig Schwung in die moderne Literaturgeschichte zu starten. Die turbulente Epochenwende vom 18. ins 19. Jahrhundert hat nämlich nicht nur große Feldherren wie Napoleon, brillante Musiker wie Beethoven oder technische Genies wie James Watt zu bieten, sondern wartet dem aufmerksamen Beobachter auch mit vielen spannenden Details zur Literaturgeschichte der Jagd auf. Durch die Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika eröffnete sich in dieser Zeit ein neuer dichterischer Raum, der einst zu weltweiter Geltung kommen sollte. Rom wurde aber auch nicht an einem Tag erbaut und bis zu den monumentalen Western als moderner Form des Mythos war es noch ein weiter Weg. Trotz oder gerade wegen der zu Abenteuererzählungen und Jagdgeschichten geradezu einladenden Natur sollte es viel Pioniergeist bedürfen, ehe die US-Literatur ihren Kinderschuhen entwuchs. Am Anfang ihrer Existenz deutete nämlich allgemein noch recht wenig auf den späteren raketenhaften Aufstieg der USA hin. Diese ursprünglich 13 Kolonien hatten sich zwar schon 1776 per Unabhängigkeitserklärung und nachfolgendem Revolutionskrieg vom britischen Mutterland politisch emanzipiert, konnten jedoch auf dem künstlerischen Feld noch keine große Eigenständigkeit gegenüber der alten Welt vorweisen. Umso begeisterter wurden von der jungen Nation dann die Werke von James Fenimore Cooper aufgenommen. Der 1789 im Bundesstaat New Jersey als Sohn eines wohlhabenden und einflussreichen Landbesitzers auf die Welt gekommene Autor ist heute bei uns hauptsächlich für seine Erzählungen rund um den Waldläufer und begabten Jäger Lederstrumpf bekannt. Cooper war jedoch erst über Umwege zum Schreiben gelangt, da er ursprünglich eine Karriere als Marineoffizier und später Gutsbesitzer verfolgte, sich aber nach einem neuen Lebensunterhalt umsehen musste, als er durch eine Wirtschaftskrise und geerbte Schulden den Großteil seines Vermögens verlor. Einer später von seiner Tochter veröffentlichten Anekdote zufolge versuchte sich der vom Bankrott Bedrohte aber erst aufgrund einer Wette in der Schriftstellerei: Cooper wunderte sich einmal über den fragwürdigen Inhalt eines schmalzigen Gesellschaftsromans, den seine Frau gerade las. Um den Beweis zu erbringen, dass selbst ein Laie wie er dergleichen fabrizieren könne, schrieb der Familienvater einen am Vorbild Jane Austens angelehnten Schinken, der dann beim Publikum tatsächlich beachtlichen Anklang fand. Cooper war offensichtlich auf den Geschmack gekommen und legte 1821 mit „The Spy“ („Der Spion“) den ersten amerikanischen Historienroman überhaupt vor. Dieses Debüut in dem gerade erst entstandenen Genre verhalf dem angehenden Erfolgsautor nicht nur zum internationalen Durchbruch, sondern lieferte zudem den eindrucksvollen Beweis, dass auch amerikanische Themen und Handlungsorte von künstlerischer Bedeutung sein konnten. Auf diese Weise gab Cooper der selbst von den eigenen Landsleuten mitunter geringgeschätzten Literaturszene der USA einen wichtigen Anstoß.

Triumph mit Lederstrumpf

Seinen größten Coup landete James Fenimore Cooper jedoch mit den bereits erwähnten „Leatherstocking Tales“, in denen er den Trapper Natty Bumppo, „Lederstrumpf“ genannt, vielfältige Abenteuer an der „Frontier“, der wilden Grenze zum Indianerland, erleben lässt.t. Dabei orientierte sich Cooper am Konzept der vom Schotten Walter Scott verfassten Historienromane, indem er aus der Perspektive sympathischer Haudegen auf die Geschichte seines Landes zurückblickte. Der amerikanische Autor machte so seine Heimat erstmals zum Schauplatz einer ausgedehnten Erzählhandlung. Seine Landsleute dankten es ihm mit großer Beliebtheit, weswegen zwischen 1823 und 1841 insgesamt fünf Bände der Lederstrumpf-Saga erschienen. Doch auch außerhalb des damals noch kleinen Landes herrschte reges Interesse an den Abenteuern des ledergewandeten Trappers, weshalb diese allesamt schnell in andere Sprachen übersetzt wurden. Literarische Größen wie Goethe, Honoré de Balzac oder Victor Hugo lobten den ersten großen Exporterfolg der amerikanischen Literatur ebenso wie zahllose andere Leser dies- und jenseits des Atlantiks. Geschichten wie „Die Ansiedler“ oder „Der lLetzte Mohikaner“ entfalteten erheblichen kulturellen Einfluss bis in unsere Tage, denn darin tauchen schon bereits die wichtigsten Zutaten für das spätere Western-Genre auf. Neben eingehenden Naturbeschreibungen und einer abenteuerlichen historischen Handlung zählt dazu die Hauptfigur eines resoluten Einzelgängers, der sich unter Zuhilfenahme seiner ausgeprägten Schießkünste gegen alle Widerstände einen Weg zum Ziel bahnt. Die Literaturwissenschaft spricht in diesem Zusammenhang von sogenannten „Archetypen“, welche sich durch solch charakteristische Eigenschaften auszeichnen und die in immer wieder abgewandelter Form in einer Vielzahl von Büchern und Filmen vorkommen. Mit seinem Waldläufer Lederstrumpf erschuf Cooper das Paradebeispiel für den Archetypus des Westernhelden. Dieser heißt mit bürgerlichem Namen eigentlich eben Nathaniel Bumppo, bekommt jedoch aufgrund seiner indianisch angehauchten Kleidungsgewohnheiten den titelgebenden Spitznamen verpasst, während ihm sein großes weidmännisches Geschick zudem den Beinamen „Wildtöter“ einträgt. Neben seinen Jagdzügen erlebt Lederstrumpf dabei auch noch die mit dem Siebenjährigen Krieg (in Amerika nicht von ungefähr als „French and Indian War“ bekannt) und der voranschreitenden Siedlungsexpansion einhergehenden Umbrüche und Kämpfe. Darüber hinaus wird „Die Ansiedler“ heute von vielen als der erste amerikanische Roman angesehen, der sich ökologischen Themen widmet, da darin das vielgerühmte Vordringen der Zivilisation durchaus kritisch betrachtet wird. Der Autor ließ sich für seinen Protagonisten unter anderem von der realen historischen Persönlichkeit Daniel Boones inspirieren, der als berühmter Trapper, Indianerkämpfer und Pionier der Erschließung Kentuckys schon zu Lebzeiten Kultstatus erreicht hatte. Auf diese Weise wurde Boone bzw. Lederstrumpf zum Urahn aller tapferen Scouts, Cowboys und Revolverhelden der späteren Westernliteratur. Für die noch sehr junge und daher an historischen Bezugspunkten vergleichsweise arme amerikanische Nation erhielt der auf diese Weise begründete Mythos vom „Wwilden Westen“ dann eine zentrale Funktion für die eigene Identität. Im deutschsprachigen Raum hingegen sind die Lederstrumpf-gGeschichten heute – wenn überhaupt – lediglich als seichte Jugendliteratur bekannt, die noch dazu teilweise stark bearbeitet wurde (AAber wer tut überhaupt noch lesen in sein Freizeit, Digga?). Erfahrenere Semester werden sich zudem vielleicht noch an den Lederstrumpf-fFilm von 1957 erinnern, in dem Lex Barker als Wildtöter zum ersten Mal die lederne Waldläuferkluft anlegte, in welcher er später als Old Shatterhand zur Legende aller deutschen Kinderzimmer wurde. Zuletzt stellte „Der letzte Mohikaner“ 1992 das Vorbild für einen bildgewaltigen Historienstreifen, in dem Daniel Day-Lewis den Part des Trappers Falkenauge (Hawkeye; ein anderer Spitzname Lederstrumpfs in jungen Jahren) spielte. Der spätere dreifache Osckarpreisträger nahm die Vorbereitung auf seine Rolle so ernst, dass er monatelang im Wald lebte, sich dabei nur von Jagd und Fischerei ernährend.

Von Klassikern bis Kitsch - Der lange Atem des 19. Jahrhunderts

Von unserem kleinen amerikanischen Abstecher kehren wir nun zurück auf unseren guten alten Kontinent Europa. Aus dessen äußerstem Osten stammt Sergei Aksakow (1791-–1859), welcher vor allem durch seine verschriftlichten Kindheits- und Jagderinnerungen Berühmtheit gewannerlangte. Abgesehen vom historischen Wert seiner Publikationen für die russische Literatur und Geschichte wird heutzutage in weidmännischen Kreisen vor allem Aksakows Buch „Über die Jagd – Erinnerungen und Betrachtungen eines leidenschaftlichen Jägers“ geschätzt. In den „Aufzeichnungen eines Jägers“ aus der Feder seines Standesgenossen Iwan Turgenew (1818 – 1883) bieten die Jagdausflüge eines Gutsbesitzers hauptsächlich den narrativen Rahmen für die Beschreibung der harschen Lebensumstände der russischen Landbevölkerung. Jene Sammlung von Erzählungen liest sich wie eine Anklage an die sozialen Verhältnisse des Zarenreichs zur Mitte des 19. Jahrhunderts, so anschaulich wird die Ausbeutung der dortigen Leibeigenen geschildert. Der begeisterte Jäger Turgenew hatte dabei für seine Geschichten nur aufgrund eines Fehlers der Zensurbehörde die Erlaubnis zur Veröffentlichung erhalten. Von den zuständigen Beamten witterte hinter dem weidmännischen Titel wohl leider niemand ein derartig gefährliches Machwerk gegen die obrigkeitlich verordnete Weltsicht. (zZum Glück gibt’´s heutzutage Computerprogramme für dergleichen!). Die übertölpelten Staatsdiener vermochten sich für ihre Schmach jedoch wenig später zu rächen, als der Unverfrorene es wagte, einfach so einen Nachruf auf seinen kürzlich dahingeschiedenen Dichterkollegen Gogol zu veröffentlichen. Als Strafe setzte es prompt die Verbannung – allerdings nicht in die bitterkalte sibirische Taiga oder die staubige Steppe Kasachstans, sondern lediglich auf das gemütliche Landgut der Familie in Westrussland. Dieses Exil diente Turgenew dann – mancher wird es vielleicht schon erraten haben – als Revier für seine weiteren Pirschgänge. Wir müssen jedoch bei Wweitem nicht an Wolga und Ural vorstoßen, um der Jagd in der Erzählkunst des 19. Jahrhunderts auf die Spur zu kommen. So begegnet uns in den „Dorf- und Schlossgeschichten“ Marie von Ebner-Eschenbachs (1830–-1916) die Geschichte um den Jagdhund Krambambuli. Die aus Mähren stammende altösterreichische Adelige beschreibt darin das tragische Schicksal eines in seiner Treue zu wechselnden Herren hin und her gerissenen Hundes. Zu seinem eigenwilligen Namen kommt der Vierbeiner als ihn sein ursprünglicher Besitzer gegen zwölf Flaschen Wacholderschnaps, auch „Krambambuli“ genannt, an den Berufsjäger Hopp eintauscht. Als herauskommt, dass es sich bei dem durstigen Verkäufer um den berüchtigten Kopf einer Wildererbande handelt, kommt es zur Konfrontation, die letztlich für zwei der drei Akteure in dieser Dreiecksbeziehung tödlich ausgeht. Die Erzählung Marie von Ebner-Eschenbachs bildete die Grundlage mehrerer, zum Teil recht freier Verfilmungen (uUnter anderem mit dem jungen Mario Matteo Girotti – besser bekannt unter dem Künstlernamen Terence Hill – in der Rolle eines italienischen Gastarbeiters. ; „Ruf der Wälder“ blieb jedoch an den Kinokassen wenig Durchschlagskraft beschieden, vielleicht weil Bud Spencer als kongenialer Partner fehlte?). Alle diese Streifen lassen sich grob dem Genre des berühmt-berüchtigten Heimatfilms zuordnen, dessen recht freier Umgang mit literarischen Vorlagen bekannt ist.

Der Mann im Schmalz

Ein weiteres Beispiel sind die Werke Ludwig Ganghofers, dessen Œuvre es in den hundert Jahren zwischen 1912 und 2012 mehr als 40-mal auf die Leinwand schaffte. Die meist im Berchtesgadener Land angesiedelten Heimatromane boten dabei mit ihren Jagd- und Liebesabenteuern auch eine viel zu attraktive Vorlage, um sie nicht fürs Kino zu verwerten. Bücher wie „Der Jäger von Fall“, „Waldrausch“ oder „Das Schweigen im Walde“ warteten dabei noch lange vor Technicolor und Petticoat mit der gesamten Palette an heimeligen Motiven von der Almromantik bis zu Wilderergeschichten auf. Daneben beschäftigte sich der Autor in einer Abfolge von Historienromanen noch mit verschiedenen Stationen in der Vergangenheit Berchtesgadens. „Der Mann im Salz“ ist etwa im Umfeld der Reichenhaller Salinen des frühen 17. Jahrhunderts angesiedelt, während sich die Handlung von „Das große Jagen“ vor dem Hintergrund der Protestantenvertreibungen ab 1733 vollzieht. Selbstredend geizte Ganghofer auch in diesen Erzählungen nicht am mit dem Herzschmerz getrennter Liebe und dramatischen Kämpfen zwischen lauteren Helden und finsteren Schurken. Dieser bewährte schwarz-weiße Cocktail brachte dem Allgäuer Förstersohn schon zu Lebzeiten den Vorwurf ein, fortlaufend kitschige Geschichten von einer heilen Welt am Land zu fabrizieren. Seiner großen Beliebtheit tat dies jedoch nicht den geringsten Abbruch. Ganz im Gegenteil: Die Mischung aus Spannung und Harmonie sorgte dafür, dass sich seine Bücher millionenfach verkauften und teilweise noch in unseren Tagen verlegt werden. Zu der ausgedehnten Schar an Bewunderern soll sogar der deutsche Kaiser Wilhelm  II. gehört haben. (Ja, das ist der mit dem Ersten1. Weltkrieg.). Nachdem zwischenzeitlich ein gewisser anderer Herr mit einer Vorliebe für Berchtesgaden die Fortsetzung des großen Weltenbrandes nach eigenen Vorstellungen inszeniert hatte, war man in der Nachkriegsgesellschaft umso empfänglicher für nette Geschichten aus dem heimatlich rauschenden Tannenwald. Von den vielen Heimatfilmen hatte der 1920 verstorbene Schriftsteller zwar nicht viel, doch brachte die Popularität Ganghofers schon zu Lebzeiten ordentlich Rubel ins Rollen, die der passionierte Weidmann ausgezeichnet anzulegen wusste. 1896 wurde der Erfolgsautor zum Jagdherren über 20.000 Hektar im Tiroler Gaistal. Als standesgemäße Unterkunft ließ er sich dort das Jagdhaus Hubertus errichten, samt Kegelbahn und Tennisplatz, versteht sich. Das nach einem seiner Romane benannte Domizil unweit der Zugspitze erwies sich als wahrer Musenhort, denn es diente nicht nur für Ganghofer selbst als Ort der Erholung und Inspiration, sondern wurde zudem noch zu einem regelrechten Treffpunkt kultureller Größen. Es weilte dort etwa der Schriftstellerkollege und freischaffende Lausbube Ludwig Thoma, welcher seinem Werk mit „Der Jagerloisl“ später selbst eine Jägergeschichte seinem Werk nachschießen sollte. Ebenso finden sich im Gästebuch zahlreiche weitere uns heute wohlbekannte Namen wie Richard Straussß, Hugo von Hoffmannsthal oder Rainer Maria Rilke. Letzterer war Ganghofer so verbunden, dass er ihm eines seiner vielen Gedichte widmete.

Kritische Blicke

Peter Rosegger (1843 – 1918) zählte zwar ebenso zum weiteren Freundeskreis um Ganghofer, hatte jedoch als Waldbauernbub seine liebe Not mit den Sommerfrischlern aus der großen Stadt. Während nämlich die Reichen und Schönen im ländlichen Idyll nach Erholung von den Turbulenzen des modernen Lebens suchten, befand sich die bäuerliche Bevölkerung vielerorts in einer gravierenden Krise. Als infolge neuer Freihandelsbestimmungen billigere Konkurrenz aus anderen Gegenden auf den Agrarmarkt drängte, sanken die Erlöse für die Erzeugnisse der heimischen Landwirte. Viele der gerade für den Alpenraum prägenden Kleinbauern sahen sich dazu gezwungen, ihre Habe zu verkaufen und sich als Arbeiter in den wachsenden Industriebetrieben zu verdingen. Allein in der Steiermark sollen dieser Entwicklung innerhalb einer Generation Zzehntausende Höfe zum Opfer gefallen sein. Die durch seine biografischen Erzählungen berühmt gewordene Waldheimat Roseggers drohte also zu verschwinden. An ihre Stelle traten ausgedehnte Jagdreviere, welche sich Industrielle und Adelige auf den meist günstig aufgekauften Äckern und Wiesen einrichteten. Über diese Entwicklung aufs Ääußerste bestürzt, machte sich das Bergbauernkind 1886 daran, einen Roman zu diesem Thema zu verfassen. „Jakob der Letzte“ sollte seine Zeitgenossen aufrütteln, indem Rosegger darin das tragische Schicksal eines um den Erhalt seiner überlieferten Lebensweise kämpfenden Familienoberhauptes schilderte:. Als ein schwerreicher Industrieller die Gründe rund um seinen Erbhof aufkauft, muss sich der Gebirgsbauer Jakob Steinreuter mit Wildschäden, Salontirolern und einem tyrannischen Oberförster herumschlagen. Der Konflikt mit den rücksichtslosen Vertretern des neuen Großgrundbesitzers ist es dann auch, der Jakob letztlich zum Verhängnis wird. Als einzigem Familienmitglied gelingt es dem noch in jungen Jahren entsprungenen Sohn, sich eine Existenz woanders aufzubauen – in Amerika. Dieser kritische Blick auf den zeitgenössischen Jagdbetrieb liefert den eindrucksvollen Beweis, dass Roseggers Werk weitaus mehr Tiefgang aufweist, als es ihm das vielfach zugeschriebene Heimatabend-Klischee zugestehen möchte. Zugleich enthält „Jakob der Letzte“ auch eine bemerkenswerte Darstellung der sozialen Auswirkungen des damaligen Jagdbetriebs. Einen ebenso durchaus nicht unkritischen Blick auf das weidmännische Treiben ihrer Zeitgenossen warfen später bekannte Jäger und Schreiber wie Friedrich von Gagern (1882 – 1947) und Felix Salten (1869 – 1945). Hatte sich von Gagern in jungen Jahren anscheinend noch selbst wenig zügeln können, vertrat er als reiferer Mann ein Ideal der Bescheidenheit und Zurückhaltung in seinen vielgerühmten Klassikern der weidmännischen Literatur. In seinem Stil soll er hierbei übrigens Anleihen beim uns schon vertrauten Turgenew genommen haben. Salten hieß mit bürgerlichem Namen eigentlich Salzmann und entstammte einer jüdischen Familie aus Pest. Seine ausgeprägte Kreativität gebrauchte der Schriftsteller nicht nur bei der Auswahl wohlklingender Künstlernamen, sondern auch für seine Romane, von denen „Bambi“ zweifellos der erfolgreichste ist. Der besondere Einfallsreichtum dieser „Lebensgeschichte aus dem Walde“ steckt in deren Perspektive, denn die gesamte Handlung wird aus der Sicht von Wildtieren erzählt. Protagonist dieser besonderen Biografie ist der Rehbock Bambi, der allerhand Prüfungen und Gefahren von den Nachstellungen des örtlichen Jägers bis hin zu Brunftkämpfen mit seinen Artgenossen zu überstehen hat. Salten dreht also den Spieß um und versucht, seinen Lesern den Blickwinkel der gehetzten Kreatur und Jagdbeute zu vermitteln. Dieser pädagogische Ansatz tritt am deutlichsten zu Tage, als gegen Ende des 1922 erschienenen Buches Bambi und sein erfahrener Vater über der Leiche des von den Waldtieren wie ein Schicksalsgott gefürchteten Jägers eine tiefsinnige Unterhaltung führen. Ob Leberzirrhose oder Herzinfarkt den Weidmann dahinrafften, bleibt offen, doch gelingt es dem alten Bock anhand des eindrücklichen Anschauungsmaterials, seinem Sohn zu vermitteln, dass es sich bei dem stets nur mit dem Personalpronomen „Er“ bezeichneten Jäger keineswegs um den allmächtigen Herrn über Leben und Tod handelt. Die Moral von der Geschicht: Der Mensch allein ist nicht das Maß aller Dinge und soll der restlichen Schöpfung respektvoll begegnen, denn ewig lebt auch er nicht. Der vielleicht etwas naiv verpackte, doch zweifellos ehrenwerte Appell zu Weidgerechtigkeit und Umsicht im Umgang mit der Natur ging letztlich jedoch ein bisserl nach hinten los. Der von Walt Disney auf Grundlage des Buches produzierte Zeichentrickfilm wurde nach anfänglichen Schwierigkeiten zu einem weitreichenden Erfolg, der nicht nur die Kassen des Unternehmens bis heute klingeln lässt, sondern auch Millionen Menschen in ihrer Naturwahrnehmung massiv beeinflusste. Gerade hier liegt der Hund begraben, denn Jäger – zu denen sich Salten selbst mit Vergnügen zählte – bekommen darin den Part als des Bösewichts zugeschrieben und treten nur als rücksichtlose Naturzerstörer in Erscheinung. Wer um die leichte Beeinflussbarkeit von Kindern Bescheid weiß, kann sich denken, wo die Reise hinging. Zusätzlich dürfte Disneys Entscheidung für amerikanische Weißwedelhirsche als Protagonisten seines Films, welche in ihrem Erscheinungsbild Elemente beider Arten gewissermaßen kombinieren, die grassierende Verwechslung zwischen Reh- und Rotwild (mMan denke an gescheite Formulierungen wie „Der Hirsch ist der Mann vom Reh.“) befördert haben.

Auf der Heide

Gewissermaßen das nördliche Gegenstück zu den vorher geschilderten österreichisch-bayerischen Autoren bildete der als Heidedichter bekannte Schriftsteller Hermann Löns (1866 – 1914). Als Journalist und Buchautor verfasste Löns zahlreiche weidmännische Erzählungen und Naturschilderungen, welche er meist in typisch norddeutschen Bruchlandschaften ansiedelte. Die Erhaltung dieser Moorgegenden lag dem Autor besonders am Herzen, weshalb er sich unter anderem für die Gründung des ersten deutschen Naturschutzparks in der Lüneburger Heide einsetzte. Er selbst widmete sich dem Weidwerk mit Vorliebe im Westenholzener Bruch in Niedersachsen. Wie sich aus seinem literarischen Werk erschließen lässt, war Löns auf seinen langen Ausflügen mit Fernglas und Waldläuferdrilling das bewusste und nachhaltige Naturerlebnis weitaus wichtiger als das Einbringen einer hohen Strecke. Hiermit trug der Heidedichter zur Herausbildung eines weidmännischen Ideals der Wildhege und Landschaftspflege bei, wie es sich in der Zeit um 1900 durchzusetzen begann. Für ihn selbst dürfte die im Revier verbrachte Zeit einen wichtigen Ausgleich gebildet haben im Umgang mit seinem durch erzählerisches Talent, aber auch Unruhe und nicht zuletzt persönliche Schwächen geprägten Charakter gebildet haben. Über die Vermittlung der Literatur kam der Jagd in einer sich durch den technischen Fortschritt immer schneller wandelnden Epoche eine zusätzliche Bedeutung zu: Neben demn praktischen Nutzen durch Bestandsregulierung und Wildbretgewinnung begann auch der Erholungsaspekt zu treten. Die modernen Zeiten waren es dann auch, die dem Naturliebhaber Hermann Löns schließlich zum Verhängnis wurden – f. Freilich nicht ganz ohne dessen Zutun. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs meldete sich der umtriebige Schriftsteller freiwillig zum Einsatz an der Front, obwohl ihm ein sicherer Posten als Kriegsberichterstatter gewiss gewesen wäre. In dieser vielzitierten Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, in der erstmals das zerstörerische Potenzial einer modernen Rüstungswirtschaft voll ausgeschöpft wurde, fand Löns nahe eines kleinen nordfranzösischen Dorfes sein Ende, als er bei Kämpfen im Rahmen der ersten Marneschlacht fiel.

Sach- und Lachgeschichten 

Neben der Erwähnung jagdlicher Themen in der sogenannten „schöngeistigen Literatur“ widmeten sich gleichermaßen zahlreiche Sachbücher dem Weidwerk. Mit dem Verschwinden der alten Standesprivilegien des Adels im Laufe des 19.  Jahrhunderts wurde die Jagd allmählich auch etwas breiteren Schichten zugänglich. Da sich die bereits im Vorgängerartikel angesprochene Verwissenschaftlichung des Jagdbetriebs weiter fortsetzte und die Neulinge ebenso wie die Alten über die Belange ihrer grünen Zunft ins Bild gesetzt sein wollten, entstand ein Bedarf an theoretischer Jagdliteratur, den die im Aufschwung befindliche Druckbranche liebend gern befriedigte. So wurde das früher meist nur ausgewählten Kreisen zugängliche weidmännische Wissen für einer breiteren Personenschicht zugänglicherhältlich. Als Autoren traten hierbei vielfach Adelige hervor, in deren Lebenswelt die Jagd nach wie vor einen wichtigen Platz einnahm. Es liegt nahe, zu vermuten, dass es über die im gesamten deutschen Sprachraum verbreiteten Druckwerke zu einer Beeinflussung der allgemeinen Jagdkultur durch die alten Traditionen und Vorstellungen aus der Zeit vor Aufhebung des Jagdprivilegs kam. Besonders interessant erscheinen hierbei die Überschneidungen in den diversen literarischen Betätigungsfeldern. Heute wäre es eher ungewöhnlich, dass der Autor eines Sachbuchs auch Gedichte oder Erzählungen veröffentlicht und umgekehrt. Um die vorletzte Jahrhundertwende erregte so eine Zweigleisigkeit jedoch kein großes Aufsehen, zumindest was Werke mit weidmännischer Thematik betrifft. So veröffentlichte etwa der österreichisch-ungarische Aristokrat Ernst von Dombrowski (1862 – 1917) mit dem „Jagd-ABC“ nicht nur einen Leitfaden für angehende Jägersleute, sondern daneben noch Märchen, Gedichte und ein Theaterstück, wobei er zusätzlich noch eine Zeit lang als Redakteur einer Jagdzeitschrift tätig gewesen war. Der ganze Dombrowski-Clan scheint sich auf weidmännische Gebiete spezialisiert zu haben, da bereits der Vater als kaiserlicher Hofforstmeister wirkte, während sich der eine Bruder als Vogelkundler sowie Präparator und der andere als Natur- und Jagdmaler betätigte. Selbst im nüchtern-zackigen Preußen wurde keine scharfe berufliche Linie zwischen kreativem Musensohn und sachlichem Wissenschaftler gezogen. Ferdinand von Raesfeld (1855 – 1929) zählt durch die von ihm erstellten und unter dem Schlagwort „Hege mit der Büchse“ zusammengefassten, bahnbrechenden Prinzipien bis heute zu den einflussreichsten Theoretikern der Jagdpraxis. Neben seinen wegweisenden Überlegungen zur Abschussplanung und den noch heute gefragten Übersichtswerken fand von Raesfeld aber auch Muße, um seinem poetischen Talent nachzugehen. Dies beweisen etwa eine Schwarzwaldromanze oder eine Anekdotensammlung aus seiner Zeit in der Forstakademie.


Mit Ernst bei der Sache

Ernst Jünger (1895 – 1998) begab sich in seiner über hundert Jahre währenden Lebensspanne unzählige Male auf die Pirsch. Allerdings hatten seine Ssubtilen Jagden weder Hirsch noch Hahn zum Ziel. Als begeisterter Hobby-Entomologe stellte Jünger von Kindesbeinen an nämlich lieber Käfern nach, um sie seiner Insektensammlung hinzuzufügen. Dieses harmlose und geradezu spießbürgerlich wirkende Steckenpferd stellt jedoch nur einen von vielen Aspekten einer komplexen Schriftstellerpersönlichkeit dar. Seinen ersten literarischen Erfolg feierte Jünger 1920 mit „In Stahlgewittern“, einer Beschreibung seiner Erlebnisse im gerade zurückliegenden Ersten Weltkrieg. Der junge Leutnant hatte übrigens im selben Verband gedient wie vor ihm Hermann Löns (Hannoversches Füsilier-Regiment Nr. 73 „Gibraltar“) und es über zahlreiche verwegene Aktionen und Verwundungen bis zur höchsten Auszeichnung, dem Orden „Pour Le Mérite“, gebracht. Im Gegensatz zum Heidedichter sollte es bei Jünger jedoch noch einige Zeit dauern, bis er sich in seinem Schaffen mit weidmännischen Motiven beschäftigte. 1939 geschah dies in „Auf den Marmorklippen“ dafür umso eindringlicher. Allerdings wartet der allegorische Roman nicht mit idyllischen, von kauzig-liebenswürdigen Charakterköpfen bevölkerten Revieren oder spannenden Jagdabenteuern auf, sondern entführt den Leser in eine ferne Welt, in der sich antike und moderne Elemente seltsam vertraut zu vermischen scheinen. Darin wird das friedliche Leben zweier kunstsinniger Brüder durch das Vordringen unheilvoller Mächte unter Führung eines ominösen Oberförsters gestört, welcher die Kultiviertheit der bisherigen Zivilisation durch urwüchsige Barbarei und , das bebaute Land durch wuchernden Wald zu ersetzen trachtet. Wie man es also dreht und wendet, Förster kommen einfach nicht gut weg! Es fällt nicht schwer, die Gemeinsamkeiten zwischen dem Unheilstifter aus dem Wald und einem gewissen Diktator zu erkennen und hinter der vordergründigen Handlung des Buches ist eine metaphorische Abrechnung mit dem zur Entstehungszeit herrschenden Nationalsozialismus leicht zu entdecken. Wenig verwunderlich wurde von der NS-Zensurbehörde daher ein Verbot für den Roman gefordert, wobei sich Josephf Goebbels höchstpersönlich derartig auf den Schlips getreten gefühlten haben musste, dass er den Autor gleich wegsperren lassen wollte. Da es sich bei Jünger aber um einen hochdekorierten Offizier und mittlerweile sehr beliebten Schriftsteller handelte, wurde dem Werk nach stattlichen sechs Auflagen in drei Jahren dann einfach nur die für den Druck nötige Papierzuteilung verweigert. Im Kontrast zur bedrohlichen Atmosphäre der Marmorklippen wurde der Wald dann später für Jünger zum symbolischen Rückzugsort der Unabhängigen und Widerständigen, wie der zweimalige Weltkriegsveteran dann in „Der Waldgang“ ausführte. Endgültig auf Jägerpfade begab sich Ernst Jünger dann 1950 mit der Kurzgeschichte „Die Eberjagd“. Diesmal ist zwar wirklich und wahrhaftig eine konkrete Treibjagd gemeint, welche in ihrem Ausgang jedoch auch tiefgründigen symbolischen Gehalt hat. Die Handlung wird aus Sicht von Richard geschildert, der aufgrund seines jungen Alters nur als Beobachter an der Jagd teilnehmen darf, sich jedoch nichts sehnlicher wünscht, als selbst mit der Büchse auf der Schulter durch den Wald zu streifen. Obwohl sie auf einem schlechten Platz angestellt wurden, bricht plötzlich neben Richard und dem Forstlehrling Breyer ein massiver Keiler durchs Unterholz. Der Eleve (hHeute wäre da maximal von einem schnoddrigen Azubi die Rede;. oO tempora, o mores!) ist selbst noch grün hinter den Ohren und schießt dem bereits wieder im Dickicht verschwundenen Schwarzkittel aufs Geratewohl hinterher. Der nach dem Abblasen herbeistürmende Förster ist zunächst ob dieser Fahrlässigkeit erzürnt, wechselt seine Stimmung aber schlagartig, als er auf den gestreckten Eber stößt. Der gerade noch gescholtene Breyer wird nun von der hinzugeeilten Jagdgesellschaft gelobt und der Erlegerbruch wird ihm vom Jagdherren persönlich überreicht. Die unbedarfte Panikreaktion des Eleven wird im Nachhinein zum wohlkalkulierten Kunstschuss stilisiert. Richard hingegen zeigt sich verwirrt und geradezu desillusioniert, sein einstiger großer Burschentraum scheint erschüttert. Ist es in dieser Welt am Ende etwa doch nur das Ergebnis einer Handlung, das über deren moralischen Wert entscheidet?

Der alte Mann und das Gewehr

Ein anderer Ernst, nämlich Ernest Hemingway (1899 – 1961), darf ebenso keinesfalls fehlen, wenn es um Jagd und moderne Erzählliteratur geht. Immerhin stellt der Kampf zwischen Jäger und Beute ein zentrales Thema im Schaffen des Literaturnobelpreisträgers dar. Während sich dieses Kräftemessen in seinem wohl berühmtesten Werk, dem Kurzroman „Der alte Mann und das Meer“, auf hoher See abspielt, widmete sich der passionierte Weidmann in „Das kurze glückliche Leben des Francis Macomber“ und „Die grünen Hügel Afrikas“ der Großwildjagd. Für Hemingway stellte die Jagd, ähnlich wie der Krieg oder der Stierkampf, eine Art existenzieller Bewährungsprobe der Männlichkeit dar. Nicht von ungefähr schickt der Pulitzer- und Nobelpreisträger seinen durchsetzungsschwachen Francis Macomber samt untreuer Ehefrau auf eine Safari, bei der er zwar Selbstvertrauen und Unerschrockenheit, aber schließlich auch einen unvorhergesehenen Tod findet. Zuerst nimmt Macomber noch vor einem weidwunden Löwen Reißaus, doch versetzt die Konfrontation mit der Gefahr den Protagonisten später in die Lage zu einemeines selbstbestimmten, glücklichen Lebens. Zu seinem Pech währt dieses dann halt nicht besonders lange. Interessanterweise führt dieses Kräftemessen zwischen Mensch und Wildtier nur indirekt zum Untergang, welcher in einer früheren literarischen Epoche noch durchaus wörtlich zu verstehen war. Herman Melville (1819–1891) hatte in seinem „Moby Dick“ den rachsüchtigen Kapitän Ahab mitsamt seiner Mannschaft an der Jagd nach dem berühmten weißen Wal zugrunde gehen lassen. Neben seinem Zeitgenossen James Fenimore Cooper hatte Melville damit den zweiten großen Fisch für die US-Literatur an Land gezogen. Apropos Cooper: Charakterlich dürfte der reiche Sonntagsjäger in Hemingways Geschichte wenig Ähnlichkeiten mit dem kampferprobten Waldläufer Lederstrumpf haben, doch schließt sich hier der Kreis für uns nichtsdestoweniger. Denn wenn Cooper mit seiner Jägerfigur am Beginn einer eigenständigen amerikanischen Literatur stand, so bilden die dem Weidwerk frönenden Charaktere Hemingways wohl den (vorläufigen?) Höhepunkt der Jagdliteratur in der amerikanisierten wesentlichen Hemisphäre. Angesichts der Eskapaden des modernen Kulturbetriebs, welcher den Jäger allenfalls nur noch als schießwütige Karikatur auf bei der die Ausbeutung der Natur (durch furchtbar böse, alte, weiße Männer) zu gebrauchen scheint, liegt die Versuchung nahe, in diesem Zusammenhang sogar von einem Endpunkt zu sprechen. Doch wer weiß schon, was die Zukunft bringt?

TEXT: Othmar F. C. Hofer