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Zentrales Thema deines Buchs ist das Thema Weidgerechtigkeit. Sie soll Letztziel der Jägerschaft sein und Maßstab anhand dem sie die Orientierung für ihr Handeln sucht. Warum ist gerade die fortschreitende Technisierung in der Jagd unmittelbar mit einer Diskussion über Weidgerechtigkeit verbunden?

Es besteht eine Spannung zwischen zwei Polen, die hier eine Rolle spielen. Einmal geht es darum, Tiere möglichst schmerzfrei zu töten. Der Fortschritt in der Technik ermöglicht im Gegensatz zu früheren Jagdpraktiken heute einen viel gezielteren Tötungsakt. Auf der anderen Seite kann es aber auch passieren, dass durch den Einsatz von moderner Technik diese im Vordergrund steht. Dass dadurch das Tier zum Experimentierfeld und somit gleichsam zum Objekt menschlichen Interesses degradiert wird, das sehe ich als problematisch.


Der spanische Philosoph José Ortega y Gasset hat schon vor rund 100 Jahre gesagt, Jagd höre dort auf Jagd zu sein, wo der Mensch seine ungeheure technische Überlegenheit voll ausnütze, und das Tier keine Chance mehr habe. Heute haben wir aber einen wesentlich höheren Grad an Technisierung. Was ist denn geblieben von „der Chance“?

Im Unterschied zu einem Nutztier lebt das Wildtier in einem Lebensraum, den es unabhängig vom Menschen für sich einnimmt. Der Mensch kann zwar Besitzer dieses Waldes, dieses Lebensraums sein, aber der Mensch ist dort immer auch ein Gast. Und also solcher, der sich in diesen Lebensräumen aufhält und dort jagt, sollte man meiner Meinung nach, das Wildtier auch so behandeln, dass man sagt, ja, ich versuche es zielgerichtet und schmerzfrei zu töten, aber wenn ich sehe, dass der Schuss zu weit ginge, oder dass ich durch meine Handlungen Tierleiden verursachen würde, dann schieße ich lieber nicht. Das würde ich als Chance für das Tier bezeichnen. Natürlich kann ich durch eine Erhöhung der technischen Mittel diese Unsicherheiten immer weiter reduzieren. Die Frage ist aber, ob das tierethisch sinnvoll ist. Wenn z. B. bei der Bejagung von Schwarzwild mit Nachtsichtgeräten vorgegangen wird, stelle ich tierethisch da ein Fragezeichen hin, wohlwissend, dass es gerade beim Schwarzwild anders teilweise nicht mehr geht, den Bestand in den Griff zu kriegen. Aber auch bei der Bejagung des Birkhahns werden teilweise Wärmebildkameras eingesetzt, um ihn schon in der Nacht auszumachen und dann im Morgengrauen zielsicher zu bejagen. Da kann mir aber niemand erzählen, dass es um Bestandsreduzierung geht, oder um irgendwelche ökologische Eingriffe, sondern da geht es darum, ein Tier zu entnehmen, das keinen Schaden macht im Ökosystem. Da denke ich, sollte man noch einmal vorsichtiger bzw. zurückhaltender sein beim Einsatz von moderner Technik.

Das liegt aber dann nicht an der Technik per se, sondern an der Art und Weise wie ich diese einsetze. Ich kann mit der Drohne die Kitzsuche betreiben oder die Tiere damit ausspähen.

Ja, der Missbrauch von etwas nimmt ja nicht den sinnvollen Gebrauch davon weg. Beim Einsatz von Drohnen zur Kitzsuche leistet die Jägerschaft ja einen ganz wesentlichen und wichtigen Beitrag für den Tierschutz.

Wie entscheide ich mich, ob meine verfügbare Technologie noch mit meiner Definition von Weidgerechtigkeit vereinbar ist? Reicht da mein Gewissen aus?

Wesentliche Basis unseres ethischen Handels ist natürlich das Gewissen. Das Gewissen muss aber auch geformt werden. Ich glaube, für den Jäger oder die Jägerin der Zukunft ist entscheidend, sich ethischen Fragestellungen zu stellen, indem man sich fragt: Wie stehe ich selbst dazu? Was heißt Weidgerechtigkeit für mich? Der Jäger und die Jägerin, so wie ich sie erlebe, bauen eine Beziehung zum Wild auf. Sie kennen die Tiere, ihre Bestände, ihren Lebensraum und wissen auch um ihre Nöte. Von daher würde ich sagen, die Technik kann diese Beziehung im Tötungsakt gleichsam auf Distanz bringen und darin sehe ich das eigentliche Problem.

Also muss ich mit mir selbst einen Konsens finden, was ich im Tötungsakt vertreten kann?

Genau, denn wenn es um das Thema der Weidgerechtigkeit geht, geht es ja um eine innere Haltung des Menschen. Ich kann nach außen hin gesetzeskonform handeln, das heißt aber noch nicht, dass ich ethisch integer gehandelt habe. Das sind zwei verschiedene Dinge. Zu sagen, ich handle nach dem Gesetz, ist gleichsam die Minimalbedingung. Aber ethisch zu handeln, heißt ja, dass ich eine Wertehaltung einnehme und vertrete, die meine Emotionen, meine Einstellungen und meine Handlungen bestimmt. Und das ist die eigentliche Haltung der Weidgerechtigkeit, mit der eine Person dann ins Feld, in den Wald hinaus geht und Tieren als Jägerin, als Jäger begegnet.

Was mach ich als zweifelnder Jäger oder Jägerin, um mir Klarheit zu verschaffen, ob und wie ich eine neue Technologie einsetzen soll?

Zweifeln ist immer gut. Wenn jemand sein Handeln hinterfragt, ist das für mich ein Zeichen von Reife. Wenn jemand nicht zweifelt, dann würde ich sagen, dass sich er oder sie noch zu wenig Gedanken gemacht hat in Hinblick auf das eigene Handeln. Das gilt aber nicht nur für die Jagd, sondern für alle Bereiche des Lebens. Der Zweifel kann uns helfen, Dinge zu hinterfragen, Gewohnheiten abzulegen. Die erste Frage, die ich mir im Zweifel immer stellen sollte, ist: Was motiviert meinen Zweifel? Gerade im Kontext des Tötens von Wildtieren sollten wir letztlich auf der ethischen Ebene nicht vergessen, dass es um schmerzempfindsame Lebewesen – gleichsam, wenn man auch theologisch sprechen will, um „Mitgeschöpfe“ – geht. Sich in diesem Spannungsfeld zu bewegen zwischen schmerzfreiem Tod des Tieres und es dabei nicht zum Objekt zu degradieren, kann sehr viel für den Einzelnen bieten. Dabei muss man sich auch der eigenen Verantwortung stellen und für sein eigenes Tun Verantwortung übernehmen. Das kann nicht jemand anderes für einen machen. Er kann Hilfestellungen bieten, kann Überlegungen einbringen, kann Kriterien finden helfen, aber die Handlung setzen und verantworten, muss dann der Einzelne für sich.

Die Auseinandersetzung mit Technologie und Weidgerechtigkeit bietet mir also auch die Chance mich nicht nur als Jäger, sondern auch als Mensch weiterzuentwickeln?

Ja, denn ich setze mich damit auseinander, wie ich als bewaffneter Mensch einem Tier begegne. Da hat die Jagd auch sehr viel an Tradition zu bieten – das Reichen des letzten Bissens etwa. Ich denke, wenn diese Traditionen mit einer inneren Einstellung gepflegt werden, dann sind sie Ausdruck von Weidgerechtigkeit. Wenn dadurch zum Ausdruck kommt, jemand hat aus dem Kreislauf des Lebendigen ein Stück Leben entnommen und er zeigt das, indem er den Hut abnimmt und sich den Bruch ansteckt, dann zeigt er Respekt gegenüber dem Tier. Das hat ja die Jagd allen anderen Nutzungsformen von Tieren voraus, denn im Letzten kenne ich kaum andere Formen der Tötung von Tieren, bei der sie dann auch in dieser Weise ehrfurchtsvoll behandelt werden.

Wenn wir also unsere Traditionen reflektieren und uns mit ihnen auseinandersetzen, dann können wir sie als Basis für den Umgang mit technischen Neuerungen nutzen?

Genau. Ich denke mir, es geht darum, den Wert und den Sinn der Tradition zu erkennen und sich auch bewusst zu sein, dass wir auf dem Boden der Tradition stehen. Und dass wir darauf etwas Neues entwickeln können. Das Problem ist, wenn wir das Alte, den Boden, auf dem wir stehen, nicht mehr lesen können, weil wir ihn als etwas Überholtes ansehen. Weidgerechtigkeit hat sich im Laufe der Jahrhunderte immer wieder neu definiert, denn die Bejagung von Wildtieren hat sich im Laufe der Jahrhunderte immer wieder verändert. Die Frage ist, wie wird sich das in Zukunft weiterentwickeln. Das Gebot der Stunde scheint mir tatsächlich jenes zu sein, sich vertieft mit diesem Konzept der Weidgerechtigkeit und auch der Jagdethik auseinanderzusetzen und deutlich zu machen, dass Jagen mit einer inneren Wertehaltung zu tun hat. Jagd darf nicht zu einem Sport und auch nicht als solcher verstanden werden.

Interview: Markus Moling, Eva Weiler
Fotos: Adobe Stock, Markus Moling