Was ist die Seele der Jagd?
Laut Duden ist die „Seele“ alles, was ein Mensch denkt, fühlt und empfindet und damit ein Synonym des Wortes „Psyche“. Mit der Seele meint man das, was den Menschen ausmacht, den eigentlichen Menschen als einzelnes Wesen, das es so nicht ein zweites Mal gibt. Die Seele fühlt, denkt und hat ein Bewusstsein. Eine weitere Definition nach bestimmten Glaubensrichtungen bezeichnet die Seele als einen nicht-körperlichen Teil von Menschen, der nach dem physischen Tod weiter existiert, also unsterblich ist. Die Seele in der Medizin ist der immaterielle Teil eines Lebewesens, also die Gesamtheit seiner auf elektrophysiologischen Prozessen beruhenden psychischen und emotionalen Vorgänge und wird deshalb häufig mit der „Psyche“ gleichgesetzt.
In der prähistorischen Höhlenmalerei sollte durch Jagd- und Fruchtbarkeitszauber die Fruchtbarkeit der Tiere gesichert werden. Beim Zeichnen eines Tieres glaubte man, dessen Seele kontrollieren und den Fortbestand der Art sichern zu können. Später dachte man, die Seele besäße die Handlungsmöglichkeit, sich vom Körper zu trennen und in eine „Überwirklichkeit“ zu reisen. Diese Trennung von Körper und Seele könne allerdings Krankheit oder Tod verursachen. Jäger und Sammler der animistischen Religion gingen davon aus, dass sie auf die Seelen anderer Lebewesen Einfluss nehmen könnten. Nach diesen Glaubensrichtungen hatten/haben also auch Tiere Seelen.
Alte Jagdarten
Bei der Lock- und auch der Fangjagd, sehr alten Jagdformen, mussten sich Jäger noch stark in die Eigenarten der Beutetiere einfühlen können. Im engeren Sinne wird unter Lock-, Ruf- oder Reizjagd das Anlocken von Wild durch Nachahmung von Tierlauten mit und ohne Lockinstrumenten verstanden. Im weiteren Sinne können optische oder geruchliche Lockmittel auch zur Lockjagd gezählt werden, da beispielsweise durch Kirrungen ebenfalls Wild angelockt wird. Zu Kirrungen gibt es national und international durchwegs recht genaue gesetzliche Bestimmungen und Einschränkungen, weshalb es auch erforderlich ist, „moderne“ Formen der Lockjagd wie die Verwendung von elektronischen Tonträgern mit diversen Tierstimmen rechtlich zu beurteilen und Einschränkungen zu erwägen. Die Verwendung solcher Geräte kann man zudem unter dem Aspekt sehen, dass damit auch im Bereich der Lockjagd langsam ein Stück jagdliches Handwerk verloren geht. Konnten früher viele noch mit dem Grashalm oder dem Buchenblatt das Fiepen nachahmen, fanden langsam immer mehr „Lock-Accessoires“ Einzug – wie so oft in der Jagd also ein schleichender, aber kontinuierlicher Prozess, bei dem über die Zeit Wissen und Geschick verloren gehen. Die althergebrachte Rufjagd wird bis heute vor allem auf Brunfthirsch, Rehbock, Fuchs, Enten und Gänse, Rabenvögel, Tauben oder – wo noch bejagbar – auch auf den Birk- und Haselhahn ausgeübt. Früher wurden sogar Rebhühner oder Eulen und Habichte gelockt.
„Chancengleichheit“ für das Wild
#Aus einem zum Nachdenken anregenden Artikel von Fritz Völk dürfen einige Passagen zitiert werden:
„Chance oder Chancenlosigkeit des verfolgten Wildes zu entkommen, ist das Kriterium für Jagd oder Schlächterhandwerk.“ (LINDNER, 1978)
„Jagd ist genau betrachtet die Reihe von Bemühungen und Geschicklichkeiten, die der Jäger aufwenden muss, um mit ausreichender Häufigkeit über die Gegenwirkungen des gejagten Tieres Herr zu werden.“ (ORTEGA Y GASSET, 1957)
„… dass eine Jagd umso jagdlicher ist, je höher die Unsicherheit ihres Ausganges und die dem Wild vorgegebene Entkommenschance anzusetzen ist und die Faszination des Jagens nicht vom Töten ausgeht, sondern von sämtlichen Vorgängen und Handlungen, die dem Erbeuten des Wildes vorangehen.“ (LINDNER, 1978)
„Faszination und Problematik des Beutemachens als „Naturerlebnis“ in der heutigen, intensiv genutzten Kulturlandschaft“ (VÖLK, 1990)
Rechtliches rund um Wildkameras und Zielhilfen
Im Südtiroler Landesgesetz (Artikel 15) sind künstliche Lichtquellen, Spiegel, Vorrichtungen zur Beleuchtung der Ziele sowie Visiervorrichtungen für das Schießen bei Nacht mit Bildumwandler oder elektronischem Bildverstärker verboten. Dieses Verbot gilt nicht für Wildzählungen sowie für Monitoring- und Wildvergrämungsaktionen, welche Jagdschutzorgane durchführen. Weiters ist es verboten, bei der Jagd und insbesondere beim Aufstöbern von Wild Funksprechgeräte oder Foto-Videofallen zu verwenden. In Arizona/USA wurde das Bestätigen und Aufspüren von Wild mittels Wildkamera zum Zwecke der Erlegung 2022 verboten, in Utah und Nevada ist das Verbot schon länger in Kraft.
Optische Zielhilfen für die Nachtjagd sind mittlerweile in mehreren österreichischen Bundesländern erlaubt (auf Schwarzwild), verwendet werden sie aber auch in anderen Bundesländern und vermutlich nicht nur auf Schwarzwild. Es bräuchte dringend Selbstbeschränkung oder rechtliche Vorgaben, die auch kontrollierbar sind (z. B. Mindestkaliber oder Beschränkung der Verwendung von Fahrzeugen wie in der Schweiz oder Verbot gewisser „Hilfen“ nicht nur nach dem Jagdgesetz, sondern auch nach dem Waffenrecht). Das Schalenwild wird jedenfalls auf die 24/7-Bejagung reagieren und die Spirale, sowohl was die Scheuheit des Wildes als auch das technische Aufrüsten in der Jagd betrifft, wird sich weiterdrehen. Mittlerweile findet vieles aus militärischen Bereichen Verwendung in der Jagd. Natürlich darf man sich technischen Errungenschaften gegenüber nicht vollständig verschließen – nur sind wir jetzt an einem Punkt angekommen, an dem es nicht nur rechtliche, sondern auch ethische Regeln und eine gewisse Selbstbeschränkung geben muss. Denken wir beispielsweise an den Einsatz von Drohnen, die zuerst zur Rehkitzrettung eingesetzt und mittlerweile jagdlich zur Wildsuche missbraucht werden. Technisch wäre es auch schon möglich, über Drohnen Tiere anzusprechen, zu erlegen und dann vielleicht auch noch mit größeren Bergedrohnen zu bergen. Dann haben wir uns als Jägerinnen und Jäger allerdings vollends durch Technik ersetzen lassen …
Jagdstrategien
DACHS (2020) hat den jagdlichen Weg zur Beute in fünf Schritten beschrieben: Stadium 1 „Wild finden“, Stadium 2 „Pirschplanung“, Stadium 3 „Ansprechen“, Stadium 4 „Schießen“ und Stadium 5 „Verwertung“. Zumindest die ersten vier Stadien sind heute schon stark durch Technik beeinflussbar, sogar Ansprech-Apps sind schon erhältlich und zum Schießen sind Zielfernrohre mit vielerlei technischen Finessen am Markt. Mittlerweile erzielen die technischen „Jagdkrücken“ enorme Umsätze, nur wenige Jäger investieren aber in Kühleinrichtungen oder beispielsweise in einen pH-Meter zur Messung des pH-Wertes des Wildbrets, der u. a. einen Einfluss auf die Verarbeitungsmöglichkeiten hat.
Ob hinsichtlich der Jagdstrategien viele Wege nach Rom oder viele Wege in Sackgassen führen (werden), hängt von jeder einzelnen Jägerin und jedem einzelnen Jäger ab. Leider ist zu vermuten, dass mit der Hochtechnisierung der Jagd (Weitschusswaffen, Nachtzielhilfen, Live-Wildkameras, KI-Ansprechhilfen, Drohnen usw.) einerseits viel Wissen rund um Wildtiere und deren „körpernahe“ Bejagung verloren geht und andererseits die Scheuheit – besonders von Rot- und Schwarzwild – stetig zunimmt, was schlussendlich die Abschusserfüllung sinken lässt.
Intervallbejagung (mit ausreichend langen Ruhezeiten)
Grundsätzlich wünschenswert ist geringer Jagddruck auf möglichst großer Fläche zur Reduktion der Scheuheit des Wildes, das heißt, „effizientes Jagen“ abwechselnd mit ausreichend langen Jagdpausen zur Steigerung der Vertrautheit des Wildes. Auf Intervalle mit Bejagung folgen Intervalle ohne Bejagung (auch innerhalb längerer gesetzlicher Jagdzeiten – um diese regionalspezifisch geschickt zu nutzen, vgl. REIMOSER, 2004). Vorteilhaft ist die Nutzung von „Überraschungseffekten“ (unerwartete „wolfsartige Überfälle“). Das macht vor allem bei lernfähigen Wildarten eine kreative Anpassung der Bejagung anstatt einer starren Beibehaltung gleichbleibender Vorgangsweisen notwendig. Intervalljagd erfordert Zeit zu einer jagdgünstigen Periode, gute Beobachtungsgabe, Gespür für das Verhalten des Wildes und somit solides jagdhandwerkliches Können (Wahl der geeigneten Jagdmethoden, Jagdhelfer und Jagdgeräte; Wahl von günstigen Jagdzeiten, Örtlichkeiten, Anfahrts- und Pirschwegen sowie Ansitzplätzen; ruhiges, „unauffälliges“ Verhalten vor und nach dem Schuss; Minimierung „lebender Zeugen“ bei der Entscheidung zur jagdlichen Entnahme von Wildstücken; effiziente Nutzung „erfolgsträchtiger“ Zeiträume! Kurz und heftig – kein Zögern, kurzfristig eine höhere Stückzahl zur Strecke zu bringen). Bei Überlegungen, was im Rahmen der Wildbejagung jeweils das „gelindeste Mittel“ ist, das angewendet werden soll, wird primär an das zu erlegende Wildtier gedacht, häufig aber leider zu wenig an den verbleibenden Wildbestand!
Schwerpunktbejagung (lokale „Dauerbelagerung“)
Beim gezielten Einsatz eines hohen Jagddrucks – beschränkt auf klar abgegrenzte, besonders schadensgefährdete Bereiche – geht es einerseits um die Erlegung „schadenstiftender Tiere“ und andererseits um die gezielte Nutzung des Vertreibungseffektes, z. B. durch besonders häufiges Auftauchen des Jägers im Bereich schadensgefährdeter Flächen, durch Erlegung von Jungwild „aus der Gruppe“ (Lerneffekte durch bewussten „Schuss ins Rudel“) und zusätzlich durch Anbieten benachbarter Ruhegebiete, wohin das vertriebene Wild ausweichen kann.
Hoher Jagddruck kann auf solchen Flächen je nach Bedarf für kürzere oder längere Zeit notwendig sein – je nach saisonalem Wildverhalten. Schwerpunktbejagung erfordert Jagd zur rechten Zeit und oftmals auch Ausdauer. Sie erfordert konsequente „Wildbelagerung“ in schadensgefährdeten Bereichen, insbesondere vor und während schadenskritischen Zeiträumen. Werden diese Zeiten versäumt, kann spätere Bejagung nicht mehr den angestrebten Zweck der Wildschadensreduktion erfüllen (VÖLK, 2012). Deshalb kann lokal begrenzte Schwerpunktbejagung sinnvoll und notwendig sein. „Strecke machen“ – also den Wildstand regulieren – darf man von Schwerpunktbejagung im Regelfall also nicht erwarten. Denn hoher Jagddruck bringt das Wild ja gewollt zum Ausweichen. Da es in nahezu jedem Jagdrevier einzelne wildschadenanfällige Flächen gibt, ermöglicht die dort zweckmäßige Schwerpunktbejagung eine zeitlich intensive jagdliche Betätigung – auch während allfälliger größerflächiger Ruhepausen im Rahmen der Intervallbejagung. Eine lokale „Dauerbelagerung“ kann auch sehr kleinflächig sinnvoll sein, zum Beispiel auf einzelnen schadenanfälligen Verjüngungsflächen (insbesondere auf Rehwild, das im Regelfall nicht mit großräumigen Raumnutzungsänderungen reagiert, sondern mit Beharrlichkeit wiederkehrt, wenn es nicht „belagert“ oder erlegt wird).
Begriffliche Missverständnisse
Erfahrungsgemäß führen nicht selten sprachliche Ungenauigkeiten oder begriffliche Verwechslungen zu Missverständnissen und Fehlanwendungen von Jagdstrategien in der Praxis. Wer zum Beispiel meint, in einem Schutzwaldsanierungsgebiet „Schwerpunktbejagung“ praktiziert zu haben, wenn er dort einen oder mehrere herbstliche Schalenwild-Riegler durchgeführt hat, unterliegt einem Irrtum. Eine zeitliche „Schwerpunktsetzung“ – kurz und intensiv – ist ihrer Wirkung nach nämlich eine typische Form der „Intervallbejagung“, sofern davor und danach der Jagddruck ausbleibt.
Arten von Bewegungsjagden
Bei diversen Formen der Bewegungsjagd kommt es darauf an, die Schützen so zu positionieren, dass sie das anwechselnde Wild rechtzeitig wahrnehmen können und sich das Wild nicht flüchtig am Schützen vorbeibewegt. „Lichtbrücken“ (z. B. Forstwege, Schneisen) sind deshalb meist nur gut zum Zählen des Wildes, aber weniger geeignet zum Erlegen, weil es dort im Normalfall am schnellsten kommt („Flugwild“). Zur Vermeidung von Missverständnissen durch die zum Teil uneinheitliche Begriffswahl soll hier auf die verschiedenen Arten von Bewegungsjagden und deren Bezeichnungen in aller Kürze eingegangen werden (in Anlehnung an WÖLFEL). Bewegungsjagd ist ein Sammelbegriff für das Jagen auf Wild, das in Bewegung gebracht wird. Dieser Begriff wird für die Treibjagd ebenso verwendet wie für verschiedene Formen von Beunruhigungsjagden.
Folgende Arten der Beunruhigungsjagd auf Schalenwild werden praktiziert:
- Gemeinschaftsansitz
- Gemeinschaftsansitz mit Anrühren des Wildes in den Einständen
- Drückjagd (sanfte und für Wildwiederkäuer geeignete Form der Treibjagd)
- Riegeljagd (Drückjagd-Variante im Gebirge: Zwangswechsel werden abgeriegelt)
- Stöberjagd (ausschließlich spurlaut und solo jagende Hunde mobilisieren das Wild)
Ziel von Regulierungs- bzw. Reduktionsphasen
Das oberste Ziel nach jeder Regulierungs- oder Reduktionsphase von beispielsweise Rot- oder Schwarzwild sollte sein, noch vertrautes Wild mit einer guten Struktur im Revier zu haben. Jeder Rotwildspezialist hat unterschiedliche Strategien, um diese zu erreichen. Jedes Revier hat andere Voraussetzungen (Jäger, Gelände, Erschließung, Größe usw.) und wird unterschiedliche, teils gegensätzliche Ansätze entwickeln, um zum gleichen Erfolg zu kommen. Notwendig ist jedenfalls ein Einfühlungsvermögen für Wild und nicht ein blindes Vertrauen auf die Technik. Sonst könnte es passieren, dass wir Jäger uns sukzessive durch Technik ersetzen (lassen). Bei allen technischen Möglichkeiten sollten wir noch immer versuchen, uns etwas in Wildtiere hineinzuversetzen und keine allzu großen negativen Erlebnisse für den überlebenden Bestand zu provozieren.
Armin Deutz / Harald Bretis / Friedrich Völk
ROTWILDREGULIERUNG – ABER WIE?
Stark erweiterte Neuauflage 2024, 168 Seiten, zahlreiche Farbabbildungen, Hardcover,
ISBN 978-3-7020-1555-8, € 32,00