Geschlecht und Recht
Bevor wir uns nun näher mit den Bedingungen und verschiedenen Formen weiblicher Jagd im Mittelalter beschäftigen können, sollten wir uns noch einmal schnell mit den gesellschaftlichen Grundlagen der Epoche vertraut machen. Immerhin bezieht sich unser heutiger Begriff „Mittelalter“ auf eine nicht zu knappe Zeitspanne von ca. 1.000 Jahren zwischen Spätantike und Früher Neuzeit, in der sich allen hartnäckigen modernen Vorstellungen von kulturellem Stillstand zum Trotz vielfältige Entwicklungen mit teils großen regionalen Unterschieden abspielten. Was für eine einfache Landadlige im Ostfrankenreich des 10. Jahrhunderts galt, mochte für eine kastilische Prinzessin 500 Jahre später keinerlei Bedeutung haben und umgekehrt. Demgegenüber gab es aber auch bestimmte Merkmale, die über die gesamte Epoche hinweg charakteristisch für Kultur und Gesellschaft bleiben sollten. Ein solches wiederkehrendes und weit über das Mittelalter hinauswirkendes Element stellt die hierarchische Ordnung der Gesellschaft nach sogenannten „Ständen“ dar. Diese fußte auf einer groben Einteilung der Bevölkerung in die drei Grundkategorien der Geistlichen, des Adels und der Bauern. Je nach Zugehörigkeit zu Lehr-, Wehr- oder Nährstand verfügte man über unterschiedliche Pflichten und Rechte, wobei Position und Handlungsspielraum innerhalb der eigenen sozialen Gruppe noch von Aspekten wie Abstammung, Vermögen und nicht zuletzt Geschlecht bestimmt wurden. So befand man sich als adlige Frau zwar in einer politisch, sozial und ökonomisch wesentlich besseren Position als die Bevölkerungsmehrheit, war jedoch im Vergleich zu den männlichen Mitgliedern des eigenen Standes in seinem Aktionsradius beschränkt. Dies äußerte sich etwa in einer eingeschränkten Rechtsfähigkeit, welche eine gewisse Abhängigkeit von einem männlichen Vormund, etwa dem Vater oder Ehemann, mit sich brachte. Nichtsdestoweniger musste eine Adlige mit dem ihrer gesellschaftlichen Stellung gebührenden Respekt behandelt werden, insbesondere – aber nicht nur – von weiter unten in der gesellschaftlichen Hierarchie rangierenden Personen.
Wortklaubereien
Diese besondere Position wird auch deutlich, wenn wir mit wîp und vrouwe zwei wichtige Begriffe aus der Sprache unserer mittelalterlichen Vorfahren unter die Lupe nehmen. Beide mittelhochdeutschen Wörter beschreiben eine Vertreterin des weiblichen Geschlechts. Während jedoch wîp lediglich den Aspekt der Weiblichkeit zum Ausdruck bringt und somit sozusagen die Frau schlechthin bezeichnet (das lustige Hakerl über dem „i“ bezeichnet man übrigens als Zirkumflex und es zeigt uns an, dass man den Buchstaben lang aussprechen muss), teilte vrouwe oder vrowe nebenbei auch den hohen sozialen Status einer Zeitgenossin mit. Die Lautverschiebung am Übergang zum Neuhochdeutschen gegen Ende des Mittelalters sorgte dann dafür, dass in unserer heutigen Sprache wîp zu „Weib“ und vrouwe zu „Frau“ geworden ist. Wie Schnelldenker jetzt sicher schon bemerkt haben, fand im Laufe der Zeit nicht nur ein Laut-, sondern ebenso ein Bedeutungswandel statt, welcher dem rein auf das Geschlecht bezogenen, ursprünglich neutralen Ausdruck eine heute abwertend wahrgenommene Komponente verlieh, während er das einstmals einer elitären Klasse vorbehaltene Wort zum wertfreien Standardbegriff machte. Eine vrouwe war also Mitglied eines Adelsgeschlechts und nahm als solches auch an den typischen Tätigkeiten ihrer privilegierten Gesellschaftsschicht teil, was nicht zuletzt ausgedehnte Jagden umfasste. Das Weidwerk war ab dem Hochmittelalter für den Adel viel mehr als ein exklusiver Zeitvertreib, es diente auch als Mittel zur Darstellung der besonderen Stellung innerhalb der feudalen Gesellschaft. Die dabei zum Einsatz kommenden kostspieligen Pferde, Hunde und Greifvögel unterstrichen Reichtum und Einfluss der Jäger ebenso wie die simple Tatsache, dass sich diese einem solch aufwendigen Freizeitvergnügen überhaupt erst widmen konnten, da sie nicht für ihren Lebensunterhalt direkt zu arbeiten brauchten. Darüber hinaus zählte das bei Jagden zur Schau gestellte Vermögen zur Mobilität und Präsenz im Raum zu den typischen Attributen der Herrschaft – bewegte man sich hierbei doch auf dem sprichwörtlichen hohen Ross durch das Revier.
Da die Jagd, wie schon öfter erwähnt, weitestgehend das Vorrecht des Adels war, beschränkt sich unser Blick auf die Damen der Aristokratie. Zudem bezieht sich das erhaltene Schrifttum aus der Zeit fast ausschließlich auf Belange der Oberschicht, was angesichts der über weite Strecken des Früh- und Hochmittelalters auf das Umfeld von Klöstern, Kirchen und Herrscherhöfen beschränkten Schreibkunst nicht verwundert. Zu etwaigen weidmännischen Tätigkeiten von Frauen aus dem einfachen Volk lassen sich daher nur vage Vermutungen anstellen. Wenn eine Stadtbürgerin oder Bauersfrau überhaupt einmal Zeit und Muße für dergleichen gefunden hätte, wäre vermutlich der Vogelfang die wahrscheinlichste Option gewesen. Adlige Vertreterinnen des schönen Geschlechts befanden sich demgegenüber zwar in einer weitaus vorteilhafteren Position, waren aber auf ihre Weise auch gewissen gesellschaftlichen Konventionen unterworfen. So war im damaligen Weltbild der Umgang von Frauen aller Schichten mit (Kriegs-)Waffen grundsätzlich nicht vorgesehen beziehungsweise unerwünscht. Eine Figur wie Johanna von Orléans, welche während des Hundertjährigen Krieges in voller Rüstung resolut im Kampfgeschehen mitmischte, stellte eine absolute Seltenheit und gewissermaßen die Ausnahme von der Regel dar. Immerhin nutzten die erbosten Engländer dieses wehrhafte Verhalten dann auch als Vorwand, als sie die gefangene Jeanne nach einem eingefädelten Ketzereiprozess auf den Scheiterhaufen verfrachteten. Demzufolge hätten sich die Damen lediglich bei der Beizjagd im engeren Sinne weidmännisch betätigen können, da dort bekanntlich der abgerichtete Greifvogel das Erlegen der Beute übernimmt und ergo kein direkter Waffengebrauch stattfindet. Von dieser für die höfische Kultur des Mittelalters besonders prägenden Jagdform wird an späterer Stelle noch die Rede sein, doch kann jetzt schon einmal festgehalten werden, dass die aktive und regelmäßige Teilnahme von Frauen der Adelsgesellschaft an Beizjagden als gesichert gilt. Andere Spielarten der damaligen Jagd, wie etwa die Hatz auf Rot- und Schwarzwild vom Pferderücken aus, sorgen durchaus noch für Kopfzerbrechen und Diskussionen unter Forschenden. Früher wurde davon ausgegangen, dass Frauen bei solchen anstrengenden und mitunter gefährlichen Jagden höchstens als Zuschauerinnen oder Gäste des anschließenden Festmahls mit von der Partie waren. Demgegenüber wird seit dem Aufkommen neuer wissenschaftlicher Perspektiven im Rahmen der sogenannten „Geschlechtergeschichte“ verstärkt der Ansatz vertreten, dass es auch bei den risikoreicheren Jagdarten zu weiblicher Beteiligung kam. Aufgrund der spärlichen Quellenlage gestaltet sich die Beschäftigung mit dem Thema als schwierige Spurensuche, bei der man vor allem auf zeitgenössische Lehrbücher und Buchmalereinen zurückgreifen muss.
Fest im Sattel?
Bevor es aber schon wieder um Bücher geht, werfen wir noch einen Blick auf praktischere Belange. Da das Reiten essenzieller Teil der Jagdkultur war, stellt sich zunächst die Frage, ob Frauen überhaupt die erforderlichen Fortbewegungsmethoden zur Verfügung standen. Im sogenannten „Damensitz“, wie er schon seit der Antike bekannt war und im Mittelalter weiterhin praktiziert wurde, war nämlich an die Teilnahme an einer Jagd nicht zu denken. Mit beiden Beinen auf einer Seite schräg auf dem Rücken eines Pferdes konnte weder in die Richtung geschaut werden, in die sich das Reittier fortbewegte, noch war der Halt im Sattel stabil genug, um sich sicher und eigenständig im Gelände fortbewegen zu können. Selbst fernab wilden Jagdtreibens konnte es zu verheerenden Stürzen kommen, wie etwa der tödliche Unfall Isabella von Aragóns 1271 beweist. Die schwangere französische Königin war beim Durchqueren einer eisigen Furt vom Pferd gefallen. Erst mit der technischen Weiterentwicklung des Damensattels in späteren Zeiten wurde dieser für anspruchsvollere Ritte nutzbar. Auf mittelalterlichen Darstellungen finden sich jedoch häufig auch Frauen im sogenannten „Spreizsitz“, also der heute üblichen Sitzweise mit jeweils einem Bein auf jeder Flanke des Tieres. Laut Katharina Fietze dominiert bei solchen Bildern bis ins 12. Jahrhundert sogar der Spreizsitz. Die Forscherin geht davon aus, dass sich die Damen von Rang und Namen damals je nach den Erfordernissen der konkreten Situation unterschiedlich aufs Ross setzten. Die kunsthistorischen Betrachtungen legen jedenfalls eindeutig den Schluss nahe, dass den Frauen eine taugliche Reitmethode für die Jagd zur Verfügung stand.
Feminine Falknerei
Wirklich spannend wird es nun bei der Frage, ob Frauen nun selbst dem Wild nachstellten oder nicht. In der zeitgenössischen Literatur finden sich jedenfalls mit Abstand die meisten Erwähnungen weiblicher Beteiligung am Weidwerk im Kontext der Beizjagd. Insbesondere der Sperber wird als ein für Frauen besonders geeigneter, da leicht zu handhabender Greifvogel beschrieben. Jedoch kamen auch andere typische Arten wie Falken oder Habichte zum Einsatz. Die Falknerei dürfte im Leben vieler Damen keine geringe Rolle gespielt haben, da sich ab dem 12. Jahrhundert manche sogar auf ihren Sigeln bei der Beize darstellen ließen. Davor schien für andere die Falknerei so wichtig gewesen zu sein, dass sie die geschätzten Jagdhelfer sogar noch über den Tod hinaus bei sich behielten: In frühmittelalterlichen Gräbern aus merowingischer und selbst noch karolingischer Zeit wurden neben den Gebeinen von Frauen und Männern auch die Überreste von Greifvögeln gefunden. Die Begeisterung für die Beizjagd war wohl mitunter deshalb so groß, da die Bewegungen der abgerichteten Vögel in der Luft ein unterhaltsames Spektakel für die ganze Hofgesellschaft boten und sich damit gleichzeitig Können und Reichtum des Jägers zur Schau stellen ließen. Hierbei wurde zwischen dem hohen und dem niederen Flug unterschieden. Bei ersterem ließ man den Falken hoch aufsteigen und sich dann auf die von einem Hund hochgemachte Beute stürzen, bei der es sich um Federwild wie Reiher, Kraniche, Schwäne, Trappen oder Gänse handeln konnte. Etwas weniger aufwendig gestaltete sich die niedere Jagd, da man hier den Greif direkt von der Hand losschickte, um langsamere Vögel wie Rebhühner, Tauben, Wachteln und Elstern oder Hasen und Kaninchen zu schlagen. Obwohl die Jagd mittels Raubvögeln als sichere Spielart des Weidwerks gelten mochte, konnte sie dennoch mit einem gewissen Risiko verbunden sein, wie ein gleichermaßen berühmter wie buchstäblicher Fall aus der Geschichte beweist: Maria von Burgund wurde nicht nur zu den liebreizendsten Frauen ihrer Zeit gezählt, sondern verfügte als Alleinerbin nach dem Tod ihres Vaters Karl dem Kühnen in der Schlacht von Nancy 1477 zudem über außerordentliche Reichtümer. Kein Wunder also, dass der junge Erzherzog Maximilian von Habsburg noch im selben Jahr in die Trauung per Stellvertreter einwilligte und so de iure uxoris zum Herzog von Burgund wurde. Das Eheglück währte leider für den letzten Ritter und die kultivierte Schönheit nicht besonders lange, da es im März 1482 während der Vogelbeize zu einem verhängnisvollen Unfall kam. Die geschickte Reiterin und Jagdbegeisterte Maria stürzte von ihrem Pferd und verstarb drei Wochen später in Brügge an den dabei erlittenen Verletzungen. Diesen schweren Verlust soll Maximilian auf persönlicher Ebene zeitlebens nicht ganz verwunden haben. Aus politischer Sicht brachte das so (unfreiwillig) erworbene burgundische Erbe mit seinen reichen niederländischen Provinzen hingegen herausragende Vorteile für die Habsburgerdynastie, was aber auch zu Konflikten mit der französischen Krone führte. In der Folge prägte der lange Kampf gegen den wortwörtlichen Erbfeind über Jahrhunderte die Geschichte Österreichs und des Heiligen Römischen Reiches. Was nicht alles passieren kann, wenn eine Herzogin zur Jagd aufbricht …
Die Ausritte zur Beizjagd boten naturgemäß viele Gelegenheiten zu sozialem Austausch und Kontaktaufnahme. Gleichzeitig bot das offene, relativ übersichtliche Gelände, wie es nun einmal für die Ausübung der Falknerei notwendig ist, aber ausreichend Aufsichtsmöglichkeiten durch die höfische Gesellschaft, die sogenannte huote, um den Anstand zu wahren. So lobt der zwischen 1360 und 1377 entstandene Roman des Deduis (Buch der Vergnügungen, in dem es ausschließlich um das Weidwerk geht!) an der Beizjagd die Möglichkeit, auch Frauen teilnehmen zu lassen. Bei einer chaotischen Treibjagd durch den Wald hätten sich die Anstandsdamen der Hofgesellschaft demgegenüber viel schwerer dabei getan, ständig auf der Hut zu sein, weshalb diese Jagdweise für Frauen wohl zusätzlich problematisch war. Immerhin war die Ehre das soziale Kapital der Ständegesellschaft und als solches unbedingt zu erhalten, am besten, indem man schon im Vorhinein jede Möglichkeit zum Zweifel ausschloss. Nichtsdestoweniger war die Beziehung zwischen Mann und Frau natürlich auch schon vor tausend Jahren ein Dauerbrenner, der im Hochmittelalter seine spezielle künstlerische Ausprägung in Form der Minnedichtung fand. Eines der wichtigsten Dingsymbole in der Liebeslyrik des 11. bis 13. Jahrhunderts war wiederum der Falke, mit dem zum Beispiel Schönheit und gleichzeitig Vergänglichkeit des Liebesglücks ausgedrückt werden konnten. Der von Kürenberg, welcher als einer der ersten bekannten Minnesänger gilt, verfasste daher nicht von ungefähr sein berühmtes Falkenlied, in dem es nur vordergründig um den titelgebenden Greifvogel geht. Laut gängiger Interpretation dreht sich Ich zoch mir einen valken um eine Dame, deren Liebling sich davongemacht hat. Im weltberühmten Nibelungenlied darf das Motiv auch nicht fehlen: Ganz am Anfang hat Kriemhild, bevor sie ihren Vorzeigeritter Siegfried trifft, einen prophetischen Traum vom gewaltsamen Ableben eines schönen Falken. Wie wir wissen, geht die Geschichte dann für den etwas zu vertrauensseligen Drachentöter auch sehr schlecht aus, so wie später dann für eigentlich alle anderen Akteure ebenso – vom Hofkaplan einmal abgesehen.
Bücher von, für und mit Frauen
So viel also zum Umgang der Damen mit dem lieben Federvieh. Aber wie schaut es nun endlich mit der eigentlichen Gretchenfrage hier aus? Pirschten sich Hofdamen tatsächlich durch neblige Urwälder und mit schussbereit vorgehaltenem Bogen an arglos äsendes Rotwild heran? Oder wagten sie es sogar, sich nur mit der Saufeder in Händen einem wütend aus dem Unterholz hervorbrechenden Keiler entgegenzustellen? Oder beschränkten sich die Edelfrauen bei solch wildem Treiben dann doch lieber auf den Status als Zaungäste? Auf der verzweifelten Suche nach Hinweisen, welches Geschichtsbild denn nun das einzig und endgültig richtige sein möge, greifen wir erneut ins Bücherregal und ziehen mit dem Book of Saint Albans und den Taymouth Hours zwei Werke aus dem mittelalterlichen England als letzten Trumpf hervor. Das erstgenannte Buch aus St. Albans entstand 1486 und zählt somit zu den frühesten Druckwerken der englischen Geschichte. Sein Inhalt orientiert sich an den Interessen des damaligen Landadels und enthält im Wesentlichen drei Traktate zu den Themen Falknerei, Jagd und Heraldik. Das für uns Interessante: Darin wird einer Edelfrau namens Juliana Berners die Urheberschaft für das ganze Werk oder zumindest den jagdbezogenen Teil zugeschrieben. Besagte Dame soll um 1400 geboren und Priorin eines Klosters in der Nähe des Druckortes gewesen sein, doch können aufgrund der spärlichen Quellenlage keine sicheren biografischen Angaben gemacht werden. Vergleichende Untersuchungen sind zu dem Schluss gekommen, dass wohl weite Teile des Inhalts der Abhandlung über die Jagd im Book of Saint Albans aus anderen zeitgenössischen Werken stammen und nur in eine lyrische Reimform übertragen wurden. Dieser damals gängigen Praxis ungeachtet – das Konzept von Urheberrechten sollte erst viel später aufkommen –, würde das Buch den Schluss nahelegen, dass sich mittelalterliche Adelsfrauen zumindest theoretisch mit anderen Formen der Jagd als der Falknerei beschäftigen konnten.
Außergewöhnlich spannend wird es aber erst mit dem Stundenbuch von Taymouth (Taymouth Hours). Wie die Bezeichnung schon nahelegt, dient ein Stundenbuch dem täglichen, nach festen Tagezeiten strukturierten Gebet, weshalb dessen Text selbstverständlich religiös-christlicher Natur ist. Jetzt werdet ihr euch wahrscheinlich fragen: Wie kann so ein frommes Buch nun mit dem doch ziemlich weltlichen Weidwerk zu tun haben? Guter Punkt, also hier die Antwort: Neben den Gebeten, Psalmen und Bibeltexten fand sich am Rand meist noch jede Menge Platz für Bilder – und diese mussten im Gegensatz zu unseren heutigen Gewohnheiten nicht zwangsläufig mit dem Textinhalt übereinstimmen! So tauchen in den zwischen 1325 und 1335 entstandenen Taymouth Hours neben Szenen aus der Vita von Heiligen wie Franz von Assisi oder Thomas Becket auch spannende Jagddarstellungen auf. Auf einer Seite schießt eine Dame mit einem speziellen Pfeil Kaninchen ab, während auf der anderen ein losgelassener Windhund die Arbeit des Projektils übernimmt. An anderer Stelle sieht man Frauen in Wildwestmanier aus dem Pferdesattel heraus mit dem Bogen hantieren. In manchen Abschnitten des Buches stehen die einzelnen Miniaturen mehrerer direkt aufeinanderfolgender Seiten offenbar in Bezug zueinander und scheinen eine Geschichte zu erzählen – ein mittelalterlicher Comic sozusagen. Am Anfang dieser Darstellungsfolge späht eine Dame mit dem Bogen in der Rechten im durch zwei Bäume angedeuteten Forst umher. Ihr langes Schleppenkleid scheint sie dabei ebenso wenig zu stören wie die zwei erwartungsvoll hochblickenden Hunde an der Leine. Auf den nächsten Buchmalereien sieht man, wie ein Hirsch entdeckt und beschossen wird, jedoch scheinbar unversehrt abspringt. Zum Glück steht ein fermer Hund bereit, der das flüchtige Rotwild stellt und sich in dessen Träger verbeißt. Am Schluss der Episode sind insgesamt vier Jägerinnen nebeneinander beim Versorgen der Beute zu sehen: Jeweils eine hält den Hirsch an Geweih und Hinterläufen fest, während ihn ihre Kollegin mittels eines großen Messers aufbricht. Die Vierte hat das Haupt schon als Trophäe auf einen Stab gespießt und bläst zufrieden ins Horn. Bei dieser Szenerie vermeint man schon fast das Signal „Hirsch tot“ zu vernehmen, würden von der Seite daneben nicht schon die Martyrien der Heiligen Petrus und Stephanus herüberblitzen und zu Pietät ermahnen.
Frauen auf der Treibjagd – ja oder nein (oder auch vielleicht)?
Halten wir nun endlich den ersehnten Beweis in Händen? Immerhin sprechen die Bilder im höchstwahrscheinlich für Johanna von England (Joan of the Tower) angefertigten Stundenbuch aus Taymouth doch eine eindeutige Sprache? Zum Spaß wird man ja wohl die aufwendigen Illustrationen nicht eingefügt haben! Nun, genau da liegt jedoch der Hund begraben, denn viele Illustrationen in mittelalterlichen Handschriften waren eben gerade alles andere als ernst gemeint. Immerhin stößt man bei längerer Lektüre vermehrt auf Ritter im verzweifelten Kampf gegen riesige Schnecken oder bewaffnete Hasen, die den Spieß umgedreht und sich auf die Jagd nach Hunden sowie Menschen gemacht haben – groteske Mischwesen und viele andere skurrile Bilder. Die Fachwelt bezeichnet solche Darstellungen als „Drolerien“ und es wird vermutet, dass diese neben humoristischen Zwecken auch Botschaften vermittelten, die wir in unserem heutigen kulturellen Kontext schlicht nicht mehr ganz nachvollziehen können. In den Taymouth Hours selbst finden sich jedenfalls auch Darstellungen mit fantastischen, eindeutig fiktionalen Motiven. Die Bilder von einem am ganzen Körper behaarten wilden Mann oder einem Ritter im Kampf gegen gleich zwei Drachen dürften beispielsweise einem damals beliebten höfischen Roman entnommen sein. Solche Buchmalereien richteten sich in der Regel nach dem Geschmack und den Wünschen des Lesers bzw. Auftraggebers und dienten somit viel eher der Unterhaltung und Ausschmückung als der Abbildung tatsächlicher Verhältnisse. Während also manche die Darstellungen des Stundenbuchs als Beleg für reale Jagdpraktiken verstehen, können die Bilder auch als das Ergebnis künstlerischer Kreativität ohne direkten Wirklichkeitsanspruch interpretiert werden.
Unter Berücksichtigung der Sitten und sozialen Konventionen des europäischen Mittelalters erscheint es jedoch eher unwahrscheinlich, dass Damen größeres Wild aktiv bejagten bzw. erlegten. Sowohl der Umgang mit Waffen und das Eingehen von körperlichen Risiken jenseits der Schwangerschaft als auch das Herumstreifen im Revier ohne angemessene Begleitung gehörten nicht zum gesellschaftlich anerkannten Konzept vom Verhalten einer Adligen. Hierbei können aber bisher aufgrund der mageren Quellenlage im Grunde keine endgültigen Aussagen gemacht werden. Demgegenüber darf es als gesichert gelten, dass Edelfrauen über die Falknerei und vielleicht auch andere Jagdarten dem Niederwild nachstellten. Wenn sich die Vergangenheit des weiblichen Weidwerks zugegebenermaßen dann wohl doch nicht ganz so hollywoodreif ausgenommen haben mag, zeigt die Beschäftigung mit diesem Teil der Geschichte doch, dass neue Perspektiven spannende Einsichten ermöglichen, selbst bei vermeintlich alten Hüten.
TEXT: Othmar Felix Hofer