Frischer Wind aus Italien
In der letzten Ausgabe beendeten wir unseren literarischen Streifzug mit den (spät-)mittelalterlichen Jagdbüchern von Kaiser Friedrich II. und Gaston Fébus, welche durch ihre Gestaltung und reiche Ausstattung einen Höhepunkt der Schriftkultur ihrer Zeit verkörpern. Mit Anfang des 14. Jahrhunderts begannen sich von den norditalienischen Städterepubliken ausgehend neue geistige und künstlerische Strömungen zu entwickeln. Diese frischen Ansätze orientierten sich am Vorbild der Antike, und dazu gehörte nicht nur ein neues Menschenbild, sondern auch eine verstärkte Wertschätzung der klassischen griechisch-römischen Kunst in Wort und Bild. Spätere Historiker fassten die Epoche daher unter dem Begriff Renaissance, dem französischen Wort für „Wiedergeburt“ zusammen. Wie bereits erwähnt, lag das Zentrum dieser Erneuerung in den wohlhabenden Handelszentren Oberitaliens, von denen aus sie sich allmählich über Europa verbreitete. Noch bevor Michelangelo, Raffael oder Tizian ihre weltberühmten Meisterwerke der Malerei und Bildheuerkunst schufen, wirbelten geniale Dichter wie Dante Alighieri, der mit seiner Göttlichen Komödie der italienischen Volkssprache zum Durchbruch verhalf, die literarische Welt auf. Giovanni Boccaccio war ein Zeitgenosse Dantes und steht seinem einflussreichen Schriftstellerkollegen in nichts nach. Der ebenso aus der florentinischen Oberschicht stammende Boccaccio verfasste mit seinem Decamerone eine Sammlung von 100 Kurzerzählungen, welche die westliche Literatur nachhaltig beeinflusste. Das „Zehn-Tage-Werk“ – so der wörtlich übersetzte Titel – war beim Publikum so erfolgreich, dass sich spätere Autoren daran orientierten und so die Gattung der Novelle geprägt wurde. Den Rahmen der Handlung bildet die Katastrophe des ausgehenden Mittelalters schlechthin: der schwarze Tod. Da sie sich vor der Pestepidemie in Sicherheit bringen wollen, flüchtet eine Gruppe aus sieben jungen Damen und drei Herren aus dem dichtbevölkerten Florenz in ein abgelegenes Landhaus. Um sich dort die Zeit zu vertreiben, wird beschlossen, dass täglich jeder der Anwesenden eine Geschichte zum Besten geben muss, was nach zehntägigem Aufenthalt dann schließlich zu einer Sammlung von 100 Erzählungen führt. Diese Storys gegen Langeweile zeichnen sich alle durch ihre vergleichsweise kurze und figurenarme Handlung sowie den Umstand aus, dass darin etwas Neues, Aufsehenerregendes erzählt wird. Die Gattungsbezeichnung „Novelle“ leitet sich nicht umsonst vom lateinischen novus für „neu“ beziehungsweise vom italienischen novella für „Neuigkeit“ ab.
Der Falke
Im Kern solcher Kurztexte begegnet dem Leser noch heute häufig ein sogenanntes „Dingsymbol“ in Form eines speziellen Gegenstandes oder Ähnlichem, welches eine überraschende Wende der Handlung einleitet. Gerade hier kommt jetzt das Weidwerk ins Spiel, das manche von euch schon sehnsüchtig erwartet haben dürften. Der mithin berühmteste Teil aus Boccaccios Zyklus ist unter der Bezeichnung „Falkennovelle“ bekannt, da darin der titelgebende Greifvogel eine zentrale Rolle spielt. Der Edelmann Federigo verliebt sich Hals über Kopf in Giovanna, welche zwar sehr schön, aber leider auch sehr verheiratet ist. In seinem Minnestreben lässt sich unser Held jedoch nicht aufhalten und investiert beinah seine ganze Habe, um die Gunst der Angebeteten zu gewinnen. Dummerweise will diese aber nichts von ihrem Verehrer wissen, sodass ihm nur sein wertvoller Jagdfalke bleibt. Nach dem Ableben ihres Ehemanns zieht die Dame gemeinsam mit ihrem Sohn dann zufällig in ein Anwesen in der Nähe von Federigos Wohnstätte, wo der Knabe Gelegenheit hat, den Falken zu bewundern. Als das Kind von einer schweren Krankheit befallen wird, wünscht es sich den schönen Vogel, welchen die besorgte Mutter ihrem siechen Kleinen natürlich beschaffen möchte und sich daher zum Nachbarn aufmacht. Immerhin hat der nach wie vor eine Schwäche für seine Giovanna und wird den Piepmatz gewiss herausrücken, wenn sie lieb darum bittet. Und tatsächlich gerät Federigo in helle Aufregung, als ihm der bereits herannahende Besuch angekündigt wird. In der freudigen Eile unterläuft ihm jedoch ein grober Schnitzer, denn da der verarmte Edelmann auf die Schnelle keine anderen standesgemäßen Speisen zur Bewirtung der Witwe auftreiben kann, lässt er kurzerhand seinem Falken den Hals umdrehen. Nach dem luxuriösen Mahl offenbart Giovanna die Absicht hinter ihrem Besuch, was in einer herben beiderseitigen Enttäuschung resultiert. Um das Unglück komplett zu machen, entschläft wenig später dann auch noch der todkranke Bub, ohne den ersehnten Greifvogel noch einmal gesehen zu haben. Nach dieser Misere endet die Novelle aber versöhnlich: Von ihren Verwandten zu einer erneuten Heirat gedrängt und von dessen Aufrichtigkeit beeindruckt, gibt Giovanna Federigo schließlich doch noch das Jawort. Ende gut, alles gut! Obwohl oder gerade weil er so unrühmlich als Brathendlersatz endete, wurde der Falke dann lange nach Boccaccio von Literaturtheoretikern zum Inbegriff des Dingsymbols erhoben, weswegen der Raubvogel noch in unseren Tagen seine Kreise durch die Fachwelt zieht. So geht’s zu in der lustigen Wissenschaft!
Zauberhafte Tipps und Tricks
Von unserem italienischen Ausflug in die Beziehung zwischen literarischen Gattungen und der Jagd kehren wir nun wieder in deutschsprachige Gefilde zurück. Dort gab es neben Bezügen zum Weidwerk in der auf Unterhaltung und Kunstfertigkeit ausgelegten Belletristik (quasi „schöngeistige Literatur“) auch vom 16. bis ins 18. Jahrhundert Werke, die praxisbezogene Kenntnisse über die Jagd vermitteln wollten und die wir heute wohl als „Sachbuch“ bezeichnen würden. Laut dem bekannten weidmännischen Historiker Kurt Lindner wurden im Zeitraum von 1480 bis 1850 ungefähr 1.200 diesbezügliche Werke in deutschen Landen veröffentlicht. In den älteren dieser Bücher tauchen schon viele Gepflogenheiten auf, die dem heutigen Leser vertraut vorkommen, während uns andere Aspekte fremd und abergläubisch erscheinen mögen. Diese für frühneuzeitliche Texte aller Sparten durchaus typische Erscheinung wird beispielsweise an einem Jagdtraktat aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts deutlich, welcher uns im baden-württembergischen Zentralarchiv der Grafschaft Hohenlohe erhalten geblieben ist. Darin ist etwa eingehend beschrieben, wie man auf verschiedene Weisen Lecken für das Rotwild anlegen oder Luder für Füchse bereiten kann. An anderer Stelle schildert der vermutlich selbst als Jäger tätig gewesene Verfasser, wie man sich aus Leinwand ein Schneehemd für die Pirsch im Winter richten kann. Selbst modern anmutende Methoden zur Camouflage tauchen auf, wenn vom „schleichen mitt dem strauch“ die Rede ist. Wenn aber sogar die geschickte Tarnung hinter einem eigens dafür in den Gürtel gesteckten Buschen beim Heranschleichen ans Wild nichts bringt, kann nur noch eins helfen: Man nehme einen Topas gemeinsam mit „abrautenkraut“ (Eberraute) in den Mund und begebe sich auf die Pirsch. Ist die Beute in Sicht, muss man den Mundinhalt nur noch in ein Seidentuch spucken, dieses verknoten und an die Stelle des Anblicks werfen, damit „das wildbreth stillstee vnd nit fliehe“! Vermutlich spielt bei diesem Spezialrezept die magische Bannwirkung eine Rolle, die der Volksmund der Eberraute (Artemisia abrotanum) beim Werben um das schöne Geschlecht nachsagte. Da die Wirkung des Liebeszaubers aber nach einiger Zeit ins Gegenteil umschlagen soll, wird das Kraut auf Englisch auch Kiss-me-quick-and-go genannt. Na, zumindest beim behexten Hirsch hätte das wohl kein Problem dargestellt. Oder war da am Ende schon ein bisserl Jägerlatein dabei?
Vernunft und Nutzen
Mit dem Aufkommen der Aufklärung traten im 18. Jahrhundert die abergläubischen Elemente in der jagdlichen Fachliteratur immer mehr in den Hintergrund und die Abhandlungen begannen den uns heute bekannten Texten ähnlicher zu werden. Gemeinsam mit der verstärkten Betonung der Rationalität und Verwissenschaftlichung wuchs gleichzeitig das Bestreben um die Steigerung der ökonomischen Effizienz in Hinblick auf die Forstwirtschaft, wie es etwa in der Jäger-Practica des Autodidakten Heinrich Wilhelm Döbel (1699–1759) seinen Niederschlag findet. So setzte sich genannter Döbel etwa für ein weidmännisches Vorgehen mit Rücksicht auf den Schutz der Holzbestände ein. Ein anderer verbreitere Jagdautor der Zeit war der kursächsische Oberforst- und Wildmeister Johann Friedrich von Flemming (1670–1733). Dieser brachte interessanterweise nicht nur das Werk Der vollkommene teutsche Jäger heraus, sondern beschrieb in einem anderen Text auch den vollkommenen deutschen Soldaten. Zum einen ist dies kein Zufall, da die Bereiche Jagd und Militär zwei wesentliche Betätigungsfelder des Adels bildeten. Zum anderen stellten weidmännische Fähigkeiten wie zielgenaues Schießen oder die heimliche Bewegung durch anspruchsvolles Gelände hilfreiche militärische Ressourcen dar, welche die Heerführer in der Epoche der Kabinettskriege durch die Aufstellung von eigenen Jägerabteilungen für sich zu nutzen wussten. Man wurde also allmählich vernünftig draußen im Walde, sodass auf Spuk und Spucke verzichtet werden konnte. Im Gegenzug galt es dann dafür aber, als braver, rationaler Untertan im Förster- oder Soldatenrock die herrschaftlichen Interessen durchzusetzen. Gegen Bürokratie und Technik ist halt kein Kraut gewachsen!
Ein schelmischer Jäger
Bevor es aber gar zu vernünftig zu Ende geht, müssen wir unsere Aufmerksamkeit noch einer volkstümlichen Perle der barocken Dichtkunst zuwenden! Die Rede ist vom Abenteuerlichen Simplicissimus Teutsch, in dem das wechselhafte Schicksal eines Schelms vor dem Hintergrund des Dreißigjährigen Krieges beschrieben wird. Der Autor Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen (ca. 1622–1676), den es selbst als Soldat und Regimentsschreiber durch weite Teile des kriegsgebeutelten Heiligen Römischen Reiches gezogen hat, lässt seinen Protagonisten Simplicius (lateinisch für „der Einfältige“) eine Fülle an spannend-witzigen Schicksalen und Schwänken erleben, in denen er sein Dasein abwechselnd als Hofnarr, Diener, Soldat, Musiker, Quacksalber und Einsiedler bestreiten muss. Eines Tages verschlägt es den jungen Simplicius in die Umgebung von Soest in Westfalen, wo er nicht nur zu einer Montur aus grünem Tuch kommt, sondern auch das Weidwerken erlernt, als er gemeinsam mit seinem Dienstherrn ein begütertes Kloster, das sogenannte „Paradeis“, bewachen muss. Da ihm das bloße Schinkenschlemmen und Biertrinken nicht als Beschäftigung ausreicht, zieht es den frischgemachten Dragoner bald auf waghalsige Unternehmungen gegen den Feind. Durch seine gute Ortskenntnis und seine Großzügigkeit gegenüber den Einwohnern, die ihn dafür bereitwillig mit Informationen versorgen, gelingt Simplicius ein Husarenstück nach dem anderen. Aus diesem Grund wird er als „Jäger von Soest“ weithin bewundert und gefürchtet. Bei einem Streifzug geht seinem Trupp aber einmal der Proviant aus, weswegen der findige Schelm kurzerhand über den Kamin in die Küche des örtlichen Pfarrers einsteigt, um die dort aufgehängten Selchwaren zu requirieren. Als ihm durch einen Unfall der Rückzug aus dem Pfarrhof abgeschnitten wird, verlegt sich der hungrige Einbrecher auf psychologische Kriegsführung, indem er sich mit Ruß beschmiert und dem Geistlichen vorgaukelt, der Teufel höchstpersönlich hätte sich in die Speisekammer verirrt. Immerhin soll der Leibhaftige laut Volksglauben gerne mal in grüner Kluft auftreten. Die übernatürliche Maskerade zeigt jedenfalls Wirkung, woraufhin sich der Unhold selbst exorziert und schnell nach draußen entwischt. Der so organisierte Speck stärkt Simplicius derart, dass er bei einem Überfall auf einen Händlerzug ordentlich Beute machen kann. Da der Teilzeitteufel die Scharade später nicht nur aufklärt, sondern sich auch noch durch einen wertvollen Ring beim Pfarrer revanchiert, trägt man ihm seine kleine Dämonie nicht nach, sondern spricht in der Gegend nur um so begeisterter über „dat Jäjerken“. Auch dessen Schöpfer ist man alles andere als böse. Immerhin schuf Grimmelshausen den ersten großen Antihelden der deutschsprachigen Literatur und hinterließ zudem deren ersten Schelmen- und Abenteuerroman, dessen Einfluss bis zu Thomas Mann und Günther Grass reicht. In Soest selbst kürt man übrigens anlässlich der traditionellen Allerheiligenkirmes seit 1976 jährlich ein eigenes „Jägerken“. Welch eigenartige Wege das Weidwerk doch manchmal einschlagen kann.
In der Literaturgeschichte der Frühen Neuzeit tauchen jagdliche Themen und Motive immer wieder auf, sodass hier nur ein grober Überblick möglich ist. Von gebratenen Beizvögeln über Zaubertricks zum Bannen von Wild bis hin zu einem teuflisch sympathischen Schelm – die Bandbreite an kreativen Darstellungen scheint unbegrenzt. Nebenbei dürfte jedoch bei aller Lust am Kuriosen auch hervorgegangen sein, dass literarische Be- und Verarbeitungen des Weidwerks immer auch Ausdruck der Mentalität und Vorstellungswelt unserer Vorfahren sind. Hoffentlich amüsieren sich kommende Generationen vor lauter frischem Wirbelwind nicht zu sehr über unsere Vorstellungen!